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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Der Industrialismus
Date
1918-01-01
Page
474 (sequence 4)
Language
German
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474 Markus Reiner; mittel hierher, wie strategische Bahnen, Lastenautos, deren Bau erst die Subvention ermöglicht, ebenfalls subventionierte Schiffahrt und Luftschiffahrt usw. Denn wenn auch in der industriellen Ordnung Zeit Geld ist, so ist ihr Preis doch nicht so hoch, daß er diese Aufwendungen für Zeitersparnis bezahlt machen könnte. Erst im Kriege erkennt man die Bedeutung der Automobilgeschwindigkeit, und wozu sonst ist der Aeroplan zu gebrauchen, als zum Bombenwerfen*)? Außer dieser Arbeit zu militärischen und ähnlichen Zwecken, deren Unrentabilität in nationalwirtschaftlichem Sinne klar zutage tritt, gibt es Arbeitsverrichtungen, die Zwischenglieder eines Produktionsprozesses sind, dessen Endprodukt sie erst rechtfertigt, dessen Gestehungskosten sie aber nur belasten. Die Existenz des für sie bestimmten Apparates besagt nichts für die Vorteile, die der Industrialismus bieten soll, denn sie sind nicht Endzweck, sondern lediglich Mittel. Denn was wir in unserer großindustriellen Wirtschaft erzeugen, dient (worauf, wie ich glaube, Sombart zuerst hingewiesen hat) zum kleinsten Teile der unmittelbaren Befriedigung unserer Bedürfnisse, sondern ist meist selbst Produktionsmittel oder Produktionshilfsmittel. So der großstädtische Apparat, der vor allem die Fatamorgana des industriellen Wohlstandes erzeugt, durch den Schaum, den sein Getriebe schlägt und dessen Glanz und Farbenpracht jenen des irisierenden dünnen Fetthäutchens auf dem Spülicht gleichen. Weder Straßen-, noch Hoch- und Untergrundbahnen sind ein positives Gut, sondern nichts anderes als die nur teilweise Paralysierung des großstädtischen Nachteils der großen Distanzen. Nicht anders die Beleuchtung, die in den Straßen durch die bedeutende Menschenansammlung aus polizeilichen Gründen notwendig wird und überdies ebenfalls Zeit gewinnen soll, indem sie die Nacht zum Tage macht; auch sie ist als Belastung zu buchen. Solche Mittel sind natürlich nicht geeignet, auch nur eine Minute wirklich zu ersparen und einen Zustand zu erreichen, den etwa der Orientale lediglich auf Grund einer anderen Einstellung von vornherein inne hat (einer Einstellung^ die der Europäer Indolenz schimpft, da es ihm in Wahrheit so sehr zuwiderläuft, Zeit zu haben, daß er mit ihr nichts anderes anzufangen weiß, als sie in mehr oder weniger kultivierter Form totzuschlagen). Dieser ganze ungeheure Produktionsapparat entstand, ohne daß dies auch immer eine Verbesserung des Produktionsprozesses bedeuten mußte. Der Mensch, der arbeitet, um seine eigenen Bedürfnisse oder die seiner engeren Umgebung unmittelbar zu befriedigen (wie in der geschlossenen Hauswirtschaft), ist sich über die Dienlichkeit seiner Arbeitsmaßnahmen nie im unklaren. Verfertigte er sich die Güter erst kümmerlich mit seinen zehn Fingern, so ging er bald dazu über, sich Werkzeuge zu verschaffen, die seinen Arm verlängerten und seine Hand verfeinerten, einfache Maschinen, die seine Kräfte vervielfachten, und primitive Instrumente, die seine Sinne schärften. Das technologische Prinzip konnte hierbei kein anderes sein als dieses: daß der für die Erzeugung der Arbeitsmittel verwendete Energieaufwand kleiner sein muß als die Energie, die er erspart. Bei volkswirtschaftlicher Organisation mit weitgehender Arbeitsteilung ist diese Gewißheit nicht mehr vorhanden, und das Exempel kann sich nur in *) Er wird neuerdings auch zu postalischen Zwecken benützt. Aber es ist klar, daß die Vorteile einer Briefbeforderung von Wien nach Lemberg in sechs anstatt zwölf Stunden die Kosten dieses Apparates nicht lohnen — es sei denn eben aus militärischen Gründen, oder solchen privatkapitalistischer Natur (Konkurrenz usw.).

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