Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 473 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Industrialismus 473 Scheidung des Menschen in ein arbeitendes und ein genießendes Teilindividuum ist eine Entseelung sowohl der Arbeit als auch des Genusses. Die charakteristische Haltung des Menschen wird die passive. Er wird von der Arbeit unterworfen und nimmt Genußmittel ein. Den göttlichen Genuß des Schaffens kennt er nicht mehr. So wird die Arbeit roh, der Genuß leer. Der beispiellose Tiefstand der äußeren Gestaltung unseres Daseins (dessen, was man „Ausdruckskultur" genannt hat), von Architektur, Kunstgewerbe*) usw. seit ungefähr 70 Jahren, und zwar nicht nur in ästhetischer, sondern auch in technischer**) Hinsicht, ihre vollständige Stillosigkeit, das Zufällige, Unorganische ihrer Erscheinung — all das ist die Folge der Verrohung der Arbeit. Das Tohuwabohu der großstädtischen Vergnügungen, von den Lunaparks und Kintopps über die Musikcafes und Tingeltangels bis zu den Theatern und Konzerten, wobei die einen und die anderen oft ineinander übergehen, ist eine Folge der Leerheit der Genüsse. Es kann nicht anders sein. Die Arbeit ist mit ein integrierendes Element des menschlichen Daseins. Der Mensch lebt, indem er arbeitet, und er müß in ihr Befriedigung finden. Ist sie ihm ein Ekel, so wird ihm der Genuß nichts anderes sein, als eine Selbstbetäubung. Und Kunst, heute dem Europäer ein. Narkotikum, ist, wenn er in gesunden Verhältnissen lebt, nichts anderes als der natürliche Ausdruck seiner Tätigkeit und eines gewissen schöpferischen Kräfteüberschusses. Rhythmus und Gesang, Spiel, Tanz und Schmuck seiner Erzeugnisse, dies alles strömt aus ihm, und hier liegt sein Glücksgefühl und liegen seine Genußmöglichkeiten. Denn man weiß: zehn Takte, die der eigenen Seele entströmen, geben mehr wahrhafte Freude als drei Militärmusiken zugleich zum besten Bier. Aber wie verhält es sich denn überhaupt mit der vorausgesetzten Rentabilität des Wirtschaftssystems des Industrialismus, mit den angeblichen wirtschaftlichen Vorteilen seines Betriebssystems gegenüber anderen Systemen? Ist es wahr, daß er geeignet ist, diesem Zustand eines Minimums der Arbeit bei einem Maximum der freien Zeit, oder anders gesprochen, eines Minimums der Anstrengung bei einem Maximum des Genusses herbeizuführen? Sehen wir uns daraufhin das Gebiet seiner Wirksamkeit an. Da weist man vor allem, wenn von der Rentabilität des Industrialsystems die Rede ist, auf die Rentabilität der industriellen Unternehmungen hin. Ihre Existenz allein sei beweiskräftig genug. Aber diese bloße Existenz beweist nur die privatwirtschaftliche Rentabilität, nicht die national wirtschaftliche, beweist nur, daß das Kapital sich verzinst, nicht aber, daß das Volksvermögen sich vermehrt. Man denke etwa an die Rentabilität der Waffenfabriken — sie beweisen nicht die Rentabilität des Krieges. Es ist klar, daß all ihre Arbeit ins Leere verpufft und Reichtum nicht nur nicht produziert, sondern konsumiert. Aber dieser militärische Posten in der Industriewirtschaft ist auch im Frieden größer, als der Augenschein annehmen ließe. 2. B. gehören die weit über den wirklichen Bedarf bereitgestellten Transport- " *) Die früher (und teilweise auch jetzt z. B. bei den Süd- und Ostslaven) unbekannte strenge Scheidung von simplem Gewerbe und Kunstgewerbe ist symptomatisch. Das erstere dient ausschließlich dem Bedürfnis, das zweite klebt ihm ein Ornament auf. **) Dem ungläubigen Leser ein Beispiel für viele. „Nachdem gegenwärtig die Maurer in der Ausführung von Kreuz-, Kuppelusw. Gewölben wohl nicht geübt sind, empfiehlt es sich, deren äußere Formen als Rabitzkonstruktion (d. i. eine Scheinbauart), das rragwerK aber als Tonnengewölbe zwischen Traversen (entspricht etwa dem bautechnischen Niveau der Etrusker) auszuführen." Österr. Ing.- und Architektenkalender. Heft 10. 34