Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Markus Reiner: fließen, verwandelt werde. Als am 22. Januar 1918 „Reuter" aus London meldete, die Regierung werde in wenigen Wochen einer jüdischen,Kommission gestatten, nach Palästina zu gehen, um die Aufrichtung der jüdischen Nation vorzubereiten, hieß es in der Nachricht weiter: „Es ist nicht die Absicht der zionistischen Mission in Palästina, eine Gruppe internationaler Finanzleute zur Ausbeutung des Landes zuzulassen." Man sieht, hier wird vorgesorgt. Jedoch schwerer wird den Übergriffen jener Bestrebungen zu begegnen sein, denen die industrielle Erschließung des Landes nur eine besondere und vorteilhafte Art der Kolonisation ist, von der sie sich eine wirtschaftliche Hebung des Landes versprechen, die der Bevölkerung selbst zugute kommen wird. Jenen Bestrebungen, denen der Industrialismus das willkommene Mittel zur Ansiedlung von großen Massen ist. Und zwar ist, wenn hier und weiter von „Industrialismus" ablehnend die Rede ist, gemeint: nicht irgendeine sozial organisierte industrielle Produktion, sondern die Gesamtheit jener Organisationsformen, für die die kapitalistische Fabrik mit Großbetrieb der Typus ist und das Zentrum, von dem sie alle ausstrahlen und in das sie einmünden. Dies ist nicht einmal ganz richtig, wenn man an Reichtum denkt — und Wohlstand im wohlverstandenen Sinne, als ein Zustand des Wohlbefindens, ist noch etwas ganz anderes. Er kann verbunden sein mit Armut, wenn auch allerdings nicht mit Elend; Zufriedenheit ist ein sichereres Kennzeichen für ihn als ein steifer Hut und eine tadellose Bügelfalte. Und daß Zufriedenheit eher vielleicht in den engen Hütten, als in den weiten Palästen zu finden ist, haben wir schon in den Schulbüchern gelesen. Grund genug für uns, daran nicht zu glauben. Und allerdings hat man vergessen, in den Schulbüchern hinzuzufügen, daß Gerechtigkeit die hauptsächlichste Vorbedingung für die Zufriedenheit ist, und dies Versäumnis hat alle Zufriedenheitsapostel diskreditiert. Denn wir, und wir besonders, können und wollen nicht zufrieden sein, es sei denn Gerechtigkeit zwischen uns. Nun aber ist bekannt und bedarf keiner weiteren Schilderung, welch krasser Zustand der Ungerechtigkeit die industrielle Welt beherrscht. Diese Ungerechtigkeit ist der Anlaß nicht nur der sozialdemokratischen Bewegung, sondern auch der sozialpolitischen Gesetzgebung des Staates, und auch der Liberalismus mußte die Gewerkschaft als ein Gegengewicht zur Tendenz der Ausbeutung anerkennen. Aber dies müßte nicht so sein, sagt man. Und die Sozialdemokratie, weit entfernt davon, den Industrialismus abzulehnen, baut die von ihr angestrebte Gesellschaftsordnung so durchaus auf ihm auf, daß sie, sofern sie z. B. die Landwirtschaft überhaupt in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht, am liebsten auch diese industrialisieren möchte. Dieser Anschauung liegt die stillschweigende Voraussetzung der „Rentabilität" des industriellen Großbetriebes zugrunde; Rentabilität im gewöhnlichsten Sinne des Wortes. Während aber bisher der „Mehrwert" in die Tasche der Exploiteure fließt, müßte er nach deren Expropriation den Arbeitern selbst zugute kommen und ihnen zugleich eine Verkürzung der Arbeitszeit bringen. Der Mensch wird arbeiten, aber nur um freie Zeit zu erwerben, er wird schuften, aber nur um zu genießen. Und er wird, was das Wichtigste ist, mit dem technischen Fortschritt, immer weniger arbeiten und immer mehr freie Zeit haben, immer weniger schuften und immer mehr genießen. Dieses Ideal kann nicht gebilligt werden. Der Effekt dieser widernatürlichen