Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Grenzen der Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 470 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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470 Max Brod: Grenzen der Politik im Grunde gar keinen Kontakt mit ihm hat Sie wirtschaftet immer gleichsam ein Stockwerk zu tief. Es ist der verhängnisvolle Fehler aller bisherigen Sozialpolitik, daß sie sich mit diesem „Ein-Stockwerk-zu-tief-Wirtschaften" abgefunden und zufriedengestellt hat. Sie hat dieses ihr Stockwerk in die gediegenste Ordnung gebracht, hat es sauber mit den trefflichsten Postulaten wie Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Parlamentarismus und syndikalistischem Generalstreik, mit der Nähr¬ und Minimumarmee von Popper-Lynkeus, Heimfall der unverdienten Bodenrente an die Gemeinschaft u. ä. ausstaffiert und wundert sich nun außerordentlich, daß der Geist in diese aufs modernste eingerichtete Wohnung nicht einziehen mag. Es ist aber eine Eigenschaft des Geistes, daß er freiwillig niemals ein Stockwerk tiefer hinabsteigt. Ebenso arg ist es, wenn die Politik aus Verzweiflung darüber, daß sie den Geist nicht unmittelbar zu beeinflussen vermag, auf sich selbst verzichtet und in Gestalt des namentlich unter Juden grassierenden Neu-Christentums Selbstmord begeht. Anzuerkennen bleibt, daß sie sich in einer schwierigen Situation befindet. Was soll sie tun? Ihre Bedrängungen und Fehlschläge würden verschwinden, wenn sie sich klarmachte, daß es nicht ihre Aufgabe ist, Geist zu schaffen, daß es ihr freilich auch nicht genügen darf, materielle Vorteile, z. B. Erhöhungen des Lohnes, des Lebensstandards durchzudrücken, die in einer allzu hypothetischen Beziehung zum Geiste stehen, gleichsam allzu entfernte Möglichkeiten des Geistes sind, so daß bei der Erfüllung dieser Formen der Geist nur zufällig zu seinem Recht gelangt, in der Mehrzahl der Fälle aber sogar einen Niederbruch aus der revoltierenden in die kleinbürgerliche Haltung erfährt. Nicht zufällige Formen des Geistes hat die Politik zu ergreifen, sondern seine einzige notwendige Form: die Zeit. — Zeit ist die einzige materielle Bedingung des edlen Unglücks. Sie ist gleichsam das Zwischenglied zwischen der Welt irdischer Bedingtheit, auf die allein Politik einwirken kann, und jenen reingeistigen, ums Unendliche zentrierten Konflikten, die sich der Politik entziehen. Deshalb ist hier der einzige Angriffspunkt wahrhaftiger Politik gegeben. Nur hier kann der Hebel angesetzt werden. Eine Politik, die erst in zweiter und dritter Linie auf Zeitwerte, in erster Linie auf Werte der materiellen Produktion, des Körpers u. ä. geht (wie die sozialdemokratische, bodenreformerische, anarchistische), muß scheitern. Gute Politik muß direkt und ohne alle Verbrämung Zeitpolitik sein. Auf klare Zeitpolitik gestützt und von ihr getragen, behalten natürlich alle auf soziale Befreiung hinarbeitenden Bestrebungen ihre unermeßliche, geradezu ans Unendliche grenzende Bedeutung. Hier hat auch die Jugendbewegung (die für den Zionismus des Westens meine einzige Hoffnung ist) ihre Verankerung zu finden. Die Jugendbewegung hat, kurz gesagt, ein Geschlecht zu schaffen, welches fähig ist, Subjekt der idealen Zeitpolitik einer idealen Gemeinschaft zu werden. Über diese Zeitpolitik selbst, die mir vorschwebt, einige skizzenhafte Andeutungen, deren Ausführung auf breiterem Räume mir hoffentlich bald möglich sein wird. Ich unterscheide ganz streng zwei Arten von Arbeit: die am eigenen Werk und die mechanische Berufsarbeit.