Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Grenzen der Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 469 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Grenzen der Politik 469 meon erklärt, daß gerade die besten Gaben, die Gott gegeben hat, mit solchen Züchtigungen verknüpft sind: das Gesetz, das Land Israel und die künftige Welt (mit 'andern Worten: daß hier edles Leid und edles Glück zusammenfallen). Mit großer Schärfe, freilich unbeholfen kasuistisch wird die Ansicht zurückgewiesen, daß alle Züchtigungen als Züchtigungen aus Liebe zu betrachten seien. Es sagt R. Jochanan: „Aussätze und Kinderlosigkeit sind keine Züchtigungen aus Liebe.u „Aussätze sind allerdings ein Altar der Versöhnung, aber Züchtigungen aus Liebe sind sie nicht/4 Und eine wundervolle, im tiefsten Sinne jüdische, von der erstarrten Orthodoxie und Lebensfremdheit des heutigen Judentums weltweit getrennte Erzählung schließt diesen Abschnitt: R. Jochanan besuchte den kranken R. Elieser, der in einem flnstern Hause lag. R. Elieser entblößte seinen Arm, da brach ein Lichstrahl aus dem Dunkel hervor; so schön war R. Elieser. Da sah R. Jochanan, daß R. Elieser weinte. Warum weinst du, sprach er zu ihm, — etwa wegen des Gesetzes, das du nicht genug studiert hast? Wir haben ja die Überlieferung: Sowohl der, welcher viel bringt, als der, welcher wenig bringt, gelten vor Gott gleich^ — wenn man nur sein Herz zum Himmel richtet. Oder weinst du wegen Mangels an Nahrung? Nicht jeder Mensch wird gewürdigt, einen Nachtisch zu haben. Oder gar wegen Mangeis an Kindern? Ich habe zehn Söhne gehabt. Hier siehst du den Zahn des jüngsten. Alle sind tot. Rabbi Elieser erwiderte: Nein, wegen der Schönheit meines Körpers, welche in der Erde verwesen soll, weine ich. Da sprach R. Jochanan: Da hast du wohl Recht, deswegen zu weinen. Und sie weinten beide. Nach einer Weile fragte R. Jochanan: Sind dir diese Züchtigungen lieb? R. Elieser antwortete: Nein; weder sie selbst noch ihr Lohn! Da sagte R. Jochanan: Gib mir deine Hand! Er reichte sie ihm. R. Jochanan richtete ihn auf, und er war geheilt. In dieser schönen Erzählung sind, freilich nicht begrifflich gesondert, sondern gefühlsmäßig verworren, eigentlich alle Elemente der Lehre vom menschlichen Unglück enthalten: das edle und das unedle Unglück, die Verschiebbarkeit ihrer Grenze, menschliche Auflehnung und göttlicher Gnadenbeistand. * Es gibt eine Fülle von Einwänden gegen diese Distinktion von edlem und unedlem Unglück. Ihre Beantwortung bleibt einer ausführlicheren Arbeit vorbehalten. Der ideale Sinn aller politischen Bewegung scheint mir: Kampf gegen das unedle Unglück — mit dem Endzwecke, das edle Unglück freizulegen. Nun ist allerdings mit Sicherheit zu erwarten, daß der dem edlen Unglück hingegebene, also Gott unmittelbar gegenübergestellte Mensch sein gesamtes Leben, mithin auch seine Sozialität, seine Produktions- und Staatsformen von Grund aus revolutionieren wird, daß es ihm gar nicht möglich sein wird, in der bösen lügnerischen Konvention der bisherigen Weltentwicklung zu verharren- Die Umkehr im Geiste würde eine vollständige Revolutionierung der Gesellschaft bewirken. Ohne diese Umkehr ist keine Revolutionierung zu erhoffen. Hier steht jedoch die Politik vor einem scheinbar unauflöslichen Zirkel: Sie beabsichtigt durch bessere Organisation den Geist freizulegen, sieht aber zugleich ein, daß nur vom Geiste her eine wirksame Neuorganisierung ausgelost werden kann. A a . Die Politik möchte dem Geist helfen, erkennt aber ehrlicherweise, daß sie