Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Grenzen der Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 468 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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468 Max Brod: Schmerz verstellen, müssen mit derselben Energie abgewiesen werden wie unwesentliches Glück. Daher und in diesen Grenzen Aktivismus! Dabei ist allerdings noch der sehr gefährliche Gedanke durchzukosten, daß die Grenzlinie zwischen edlem und unedlem Unglück keine ein für allemal gegebene, keine unbedingt scharfe ist, daß sie Verschiebungen und sogar gewisse Vermischungen zuläßt. — Dem klassischen Altertum galt die Sklaverei als unentbehrlich, Plato und Cicero (es soll beileibe keine Wertung sein, daß ich die beiden nebeneinander nenne) hielten sie für „edles Unglück". Es hat sich gezeigt, daß sie behebbar, also unedel war. Ähnlich glauben heute viele, die sich besonders tief dünken, im Krieg eine der Menschheit gleichsam angeborene Geißel sehen zu dürfen. „Es wird und muß immer Krieg geben." Wirklich? Wir werden ja sehen! So etwa nach zwei- bis dreihundert Jahren. Mir genügt schon heute mein Gefühl der Entrüstung, den Krieg für ein unedles Unglück zu halten. Es sei noch ein sekundäres Kriterium angeführt, mit dem man in einigen Fällen edles und unedles Unglück sondern kann: Bei unedlem Unglück ermattet die Phantasie, das Mitleid kann nicht mehr mit. Ich kann mir die Todesqualjen eines Verwundeten im Drahtverhau vorstellen, ich kann schlaflose Nächte lang an die Sommeschlacht denken, — aber zwei Tote oder siebzigtausend Tote in dieser Schlacht, das ergibt keinen Unterschied mehr. Es ist so, als weigere sich die Phantasie, in dieses faktisch zwar Geschehende, jedoch immanent Unnotwendige einzudringen. Sie findet keinen Boden, kein göttliches Recht unter ihren Füßen. — Seltsam dagegen, daß bei edlem Unglück, wo es sich doch um unendliche Größenordnungen handelt, die Phantasie und mit ihr das Gefühl wenn auch nicht immer fähig, so doch durchaus willig ist. Diese Willigkeit läßt sich nicht beschreiben. Wer sie erlebt hat, versteht mich. Die dargestellte Unterscheidung von edlem und unedlem Unglück drängt sich mir immer wieder auf und es setzt mich in Erstaunen, daß ich bisher (von einer Bestätigung im Gespräch mit Dr. Thieberger abgesehen, der mir seine einigermaßen analoge Distinktion vom „Leid der Existenz" und der „Koexistenz" mitteilte) eigentlich nur im Talmud auf verwandte Gedankengänge gestoßen bin. Im Traktat Berachoth 5,1 werden in ausführlicher Kontroverse „Züchtigungen aus Liebe" (die etwa dem „edlen Unglück", theologisch gefärbt, entsprechen) von andern Leiden unterschieden. Eine Stelle dieser Debatte lautet (mit beträchtlichen Kürzungen und Einfügung kommentierender Satzstücke — was mir, nebenbei bemerkt, die einzig richtige Art scheint, den Talmud zu einer eminent heutigen Angelegenheit zu machen —): „Es sagte Raba, nach andern Rab Chisda: Wenn der Mensch sieht, daß Züchtigungen über ihn kommen, soll er seine Handlungen untersuchen. Denn es heißt: Wir wollen unsern Wandel untersuchen und ihn prüfen und wollen zum Ewigen zurückkehren. Hat man seine Handlungen untersucht und keine Sünde gefunden, auch keine Vernachlässigung des Gesetzesstudiums, so ist es gewiß, daß es Züchtigungen aus Liebe sind. Denn es heißt: Wen Gott liebt, den züchtigt er." — Mit andern Worten: zuerst wird ein Kauselnexus zwischen dem Übel und einer menschlichen Verfehlung aufzudecken gesucht (unedles Unglück). Erst wenn dies nicht gelingt, ist das Unglück als edel, in Gottes Weltplan gegeben hinzunehmen. — Im folgenden werden dann die „Züchtigungen aus Liebe", die edlen Züchtigungen sehr fein als diejenigen abgegrenzt, die nicht vom Gebet und vom Gesetzesstudiüm abhalten. Bewundernswürdige Einsicht! Rabbi Schi-