Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Grenzen der Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 467 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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danken nehmen, bejammert, daß er in dieser Pein, die ich aufs äußerste mitfühle und die ich doch nicht als Äußerstes fühlen kann, daß er in dieser Pein niemals dazu kommt, geradezu darum betrogen wird, die Schauer der Endlichkeit seines gedankenkühnsten Gedankens zu erleben, das ist das menschlich Böse, das subaltern Böse der Welt, das sich von dem gottgewollt Traurigen aufs deutlichste unterscheidet. Daß alles begrenzt ist, ergibt neben dem ewig sehnsüchtigen Unglück der Endlichkeit doch gleichzeitig auch das Glück der Form, das Wunder der Schönheit. — Das unedle Unglück versöhnt durch kein Äquivalent. Es ist nicht nur quälend, es ist auch klein und häßlich. Motor des unedlen Unglücks ist die Leidenschaft. Deshalb ist die Sexualität das zentrale Gebiet, der Mittelpunkt des edlen Unglücks. Von allen Boten Gottes spricht Eros am eindringlichsten. Er reißt den Menschen am schnellsten vor das Angesicht der Herrlichkeit Gottes, er stellt ihn in seiner Kleinheit dem Unendlichen gegenüber, läßt schärfstes Reinheitslicht auf ihn fallen und weist ihm die häßlichen Flecken seines heuchlerischen Tugendmantels. — Auf dem Felde des edlen Unglücks ist von Reformen, von menschlich bewußter Hilfe nichts zu erwarten. Hier kann nur durch einen übernatürlichen Gnadenakt, durch Einsenkung eines „neuen Herzens", durch Ekstasis, Heraustreten aus dem Geflecht irdisch-kausaler Mittelchen Rettung kommen. Es ist heilsam, dies mit aller Schärfe zu erfassen, wenn man an Reformvorschläge irgendwelcher Art herantritt. Von der Idee einer allgemeinen „Weltbeglückung" kann man sich nicht weit genug distanzieren. — Heinrich Mann schrieb einmal („Das junge Geschlecht"): „Eure Grundempfindung des Lebens, Zwanzigjährige, wird die Gewißheit des Glückes sein. Ihr werdet euch nicht scheuen, es für erreichbar zu halten. Niemand wird euch vortäuschen, es widerstreite dem innern Gesetz, das nicht Glück von euch wolle, sondern Pflicht," usf. Wenn auch im weiteren das Glück durch den etwas vieldeutigen Terminus „Geist" gewissermaßen verabsolutiert werden soll, so flößt mir doch die glatte „Erreichbarkeit" dieses Glückes den Verdacht ein, daß es sich hier nicht um jenes allerhöchste Glück handeln kann, das mit dem höchsten edlen Unglück identisch ist. Denn dieses Glück ist kein dauernder Zustand, es kann durch Heinrich Manns und Kurt Hillers politischen Aktivismus nicht erzwungen, nicht einmal angestrebt werden. — Damit sei jedoch nicht jede Bedeutung des Aktivismus abgestritten. Im Gegenteil: er ist durchaus am Platze, wo es sich um unedles Unglück handelt. Motor des unedlen Unglücks ist nämlich kein Plus an Leidenschaft, sondern ein Minus an Voraussicht und Klugheit. Falsch ist es, mit organisatorischem Rüstzeug die menschliche Endlichkeit bekämpfen zu wollen (man bewirkt immer nur eine neue Umgruppierung dieser Endlichkeit, — so wie man einem nicht mehr ganz luftdichten Gummiballon durch sorgtältiges Formen die volle Kugelgestalt zurückgeben möchte, die ärgerliche Mulde aber, die man an der einen Stelle weggeglättet hat, erscheint sofort auf einer anderen Seite). Die tiefe Überzeugtheit von der Vergeblichkeit und geradezu Sündhaftigkeit solcher Versuche, die Endlichkeit gleichsam durch Fingerdruck vertuschen zu wollen, hat aber dazu geführt, jedes menschliche Leid für gottgewollt und unabwendbar zu halten. Diese Indulgenz gegenüber dem unedlen Unglück ist ebenso frevelhaft wie die Indolenz gegenüber dem edlen Unglück. Man möge doch vor allem eines lernen: Unrichtige unwesentliche Schmerzen, die den Weg zum. absoluten