Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Grenzen der Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 466 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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466 Max Brod: haften Säften gefüllt zauberhafte Bewegungen ausführen, — und dieses gesamte Kunstwerk, unendlicher Freude fähig, dieses aufs höchste getriebene Angespanntsein der Schöpfung kalligraphiert tagaus tagein tausendmal denselben leeren Geschäftsbrief, drei Dutzend Baumwollsocken betreffend. Wer wagte es, vor dieses Jammerbild zu treten und mit Überzeugung zu sagen: Dies muß so sein! Dies kann sich in alle Ewigkeit nicht ändern, solange es Menschen gibt! Dies ist ein edler, tragischer Ausbruch unserer chronischen Krankheit: Mensch-Sein. Und nun ein anderer Anblick. S.ören Kierkegaard, mitternachts erwachend, um seine Leidensgeschichte „Schuldig-unschuldig** niederzuschreiben, zerrissen von unendlicher Liebe, die in sich selbst das Hindernis findet, das ihr jede Erfüllung versagt. Kierkegaard, der fühlt, daß er nur durch Leiden, durch einsam in sich verschlossenes Leiden, durch „Furcht und Zittern" der Gottheit nahekommen kann, der von den beiden Erscheinungsformen des höchsten Wesens, Din und Chesed (Strenges Gericht und Huld), nur die erstere kennt und der deshalb, ein wahrer „Ritter des Glaubens", an keinem Schrecknis, das sich ihm darbietet, kompromißhaft vorbeigehen mag . . . Hier sinkt das Gefühl des Betrachters erschüttert in die Knie, von letzten Geheimnissen angerührt. Hier ist heiliger Boden, denn das Unglück, das sich hier auswirkt, ist fundamental, ist der Schrei, den das Endliche dem entschleierten Bild der Unendlichkeit entgegensendet, ist der Blick des geblendeten Auges, der das Angesicht Gottes nicht erträgt. Hier ist edles Unglück .... Das Erlebnis unedlen Unglücks bringt in jedem gesunden Menschen, sei er Betroffener oder Betrachter, das Gefühl der Entrüstung, der Empörung, der Auflehnung hervor. — Edles Unglück mahnt zur Demut. Unedles Unglück führt das deutliche Nebengeräusch des „Unrichtigen" mit sich. — Edles Unglück, diese Konfrontation des stückwerklichen Menschen mit der Absolutheit seiner Idee, ruht geschlossen in seinem höheren Kreise. Es ist „richtig", es hat nichts Aufreizendes an sich. Die höchsten Momente dieses Unglücks sind eigentlich von höchstem Entzücken kaum zu unterscheiden. Denn sie sind ein unmittelbares Bewußtwerden des Unendlichen. Die Grenzen zwischen Unglück und erhabenster Lust verschwimmen in den obersten Regionen, vielmehr Glück wie Unglück haben ihren Sinn, ihre irdische Bedeutung verloren. „Während sich ein Mensch sonst unter der Zurechtweisung so leicht verhärtet, verliert er, wenn Gott das Urteil fällt, sich selbst und vergißt in der Liebe, die erziehen will, den Schmerz." (Kierkegaard.) So entsteht ein doppeldeutiger Zustand, der gleichsam das letzte Wort des Menschen vor dem Eintritt in den Himmel darstellt, das Wort der Schwelle, ein „Ach", das im irdischen Bereich sowohl Schmerz als Seligkeit, sowohl Zerknirschung als Erhebung bedeuten mag, gegen Gott hin gesprochen aber nur ein Einziges will: restloses Aufgehen in seine Reinheit. Edles Unglück ist Unglück in Reinheit. Widerwärtige Eigenschaft des unedlen Unglücks: daß es diese Reinheit stört. — Nicht weil unedles Unglück unser Glück aufhebt (nur unedles Glück könnte so aufgehoben werden), sondern weil es uns hindert, unser edles Unglück in aller Reinheit in letzter Konzentration zu erleben, weil es uns von diesem einzig wesentlichen Erlebnis (von der Konfrontation mit dem Unendlichen) geschäftig abhält, tückisch ablenkt: deshalb muß das unedle Unglück bekämpft werden. — Daß der Bankbeamte sein Leben lang die Last der ihm aufgebürdeten Additionen, die ihm jeden Ge-