Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 465

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Grenzen der Politik
Date
1918-01-01
Page
465 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101147-3103954--2857-3103994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

hat sie sich seither eigentlich nicht mehr oder nur unmerklich verändert Sie hat mir immerhin gestattet, inmitten meiner großen Verzweiflung wenigstens einer gewissen Reihe von Tatsachen gegenüber ein festes Urteil, einen Standpunkt zu behaupten. Da sie sich solcherart bewährt hat, will ich endlich daran gehen, sie mitzuteilen. Es ist die Unterscheidung menschlichen Unglücks in „edles" und „unedles" Unglück. Der Mensch steht als ein körperliches, also durchaus endliches, und seelisches, also meist endliches, nur in ekstatischen Ausnahmeminuten unendliches Wesen dem Unendlichen gegenüber. Dies ist sein tiefster Schmerz, sein durchaus unabwendbares Unglück. Immer wieder seine Grenze fühlen, die Wandelbarkeit des Herzens, den Verfall des Leibes, die Abhängigkeit der höchsten Funktionen von den niedrigsten, das Ermatten im Aufschwung, die Lüge im aufrichtigsten Versuch der Ehrlichkeit, — das ist der Orgelpunkt aller menschlichen Melodie. Von diesem unabwendbaren Unglück deutlich abgehoben erscheint eine ganze Dämonenhorde dunkler Scheußlichkeiten, die sich dem Menschen scheinbar ebenso unentrinnbar an die Fersen heften, die aber dennoch, wie immer wieder das Beispiel Einzelner und im Großen die geschichtliche Entwicklung lehrt, abgestoßen und geradezu in die Luft zerblasen werden. Es gibt also (und in diesem grauenhaften Dasein ist dies eine Erkenntnis, die aufrechterhalten zu werden verdient) neben dem unabwendbaren Unglück auch abwendbares, es gibt ein Elend, das in die Macht des Menschen, in seinen Willen gestellt ist, dem er abhelfen kann und dem abzuhelfen (aus dem Können ergibt sich sofort das Sollen) ein Teil seiner Bestimmung ist. — Nicht seine ganze Bestimmung. Denn in diese muß auch das unabwendbare Unglück irgendwie mit eingehen. Unabsehbarer Niedergang des menschlichen Daseins ist dadurch verursacht worden, daß diese beiden Arten menschlichen Unglücks zusammengeworfen und dem unseligen Adam als ein einziges Riesenbündel auf den Rücken geschnallt wurden. Der christliche Begriff der „Erbsünde" hat Verwüstungen angerichtet, die keine Phantasie umfangreich und schrecklich genug ausmalt. Es wäre aussichtsloses Bemühen, wollte man die beiden Arten des Unglücks logisch, definitionsweise auseinanderhalten. Ob ein Unglück vermeidbar, überwindbar ist, oder aus der innersten Mangelhaftigkeit des Menschen unstillbar aufquillt, — wer dürfte das in allgemeinen Grundsätzen entscheiden. Glücklicherweise bedarf es einer solchen begrifflichen Entscheidung gar nicht. Denn der Schöpfer hat uns, als er uns in dieses Wirrsal austrieb, die wunderbare Gabe gewährt, vermeidbares und wesentliches Unglück kraft unseres Gefühls zu unterscheiden. Es scheint mir sogar, daß von allen menschlichen Gefühlen dieses eines der deutlichsten und stärksten ist. Man hat es nur allzu oft betäubt... Merkwürdige unerklärliche Tatsache: das unabwendbare Unglück erscheint dem Gefühl als etwas Edles, und je mehr menschlich-willkürliche, nicht-notwendige Mitschuld an der Verhunzung eines Tatbestands mitgewirkt hat, desto unedler wirkt dem unverderbten Gefühl der mit diesem Tatbestand verknüpfte Schmerz. Zwei extreme Beispiele: Welches Elend — der an seinen Kontorsessel angeschraubte Beamte, jahrelang, jahrhundertelang dem gänzlich gleichgültigen Umstand hingegeben, daß fünf plus sieben gleich zwölf ist, - ein Aggregat der köstlichen Zellen, der kompliziertesten Kapillarröhrchen, die mit zauber-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.