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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 464

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Grenzen der Politik
Date
1918-01-01
Page
464 (sequence 2)
Language
German
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464 Max Brod: verzichtet auf die eigene Kraft und den eigenen Wert, er entschlägt sich aller Sorgen, aller Verantwortlichkeit (!), des persönlichen Verdienstes usf. Schelers Liebe gilt diesem zweiten „demütigen" Typus (man wird ihn mit Bubers „Realisierendem", dessen Sich-Aufgeben nie ein Aufgeben der Verantwortlichkeit und eigenen Kraft bedeutet, der streng voluntaristisch bleibt, nicht verwechseln). Es ist klar, daß Entspannung mit politischem Wollen unvereinbar ist. Mit seinem Lob der Entspannung hat Scheler (freilich mit unendlich feineren, geistvolleren Mitteln) dasselbe gesagt, was heute geradezu als Elementarunterricht des literarischen Cafehauses gelehrt wird: „Politik ist für den radikalen, d.h. bedingungslosen Geist eine unmögliche Angelegenheit, eine Beschmutzung. Politik ist geistig deklassierend." Daß alle heutigen Staaten Raubmord treiben, daß alle heutige „offizielle" Politik absolut unmoralisch und ungöttlich ist, — diese Feststellung darf nicht mit der prinzipiell und für immer antipolitischen Einstellung des Christentums verwechselt werden. Zuzugeben ist, daß gerade die gegenwärtige Weltlage wie keine andere je zuvor zu dieser Verwechslung verführen kann. Man sieht, daß alle Politik, wie sie nach heutigen Begriffen getrieben wird, zur absoluten Agonie des Menschengeschlechtes führen muß. Man hört gleichzeitig eine Lehre predigen, die das Diesseits mit allen seinen Organisationsformen nicht nur für indifferent, sondern geradezu für Bedrohung des individuellen Seelenheils erklärt. Was liegt näher als der Zugriff, jene spezielle Erfahrung unter dem Lichte dieser Theorie anzuschauen, — unbekümmert darum, daß vielleicht nicht jede mögliche Art politischer Intention vor dem Richterstuhl des unendlichen Geistes verdammenswert erscheint, unbekümmert darum, daß gerade durch die christliche Negation des Politischen das Gebiet weltlicher Obsorge allen ungöttlichen, ungeistigen Elementen als Tummelstätte überlassen werden könnte . . . und nicht nur könnte, nein, tatsächlich überlassen worden ist. Ahnt niemand die furchtbare Schuld des Christentums an diesem Kriege, nicht nur die Schuld des offiziellen Kirchentums, das in Millionen von Gebeten und Zeremonien aller seiner Riten diesem Krieg den „Segen Gottes" erfleht hat, — nein, ärger noch, die Schuld des inoffiziellen, innerlichen, ganz ehrlichen Christentums, das durch seine Gleichgültigkeit gegen die Ordnungen der Welt alle bösen Kräfte gewissermaßen als legale Herrscher des Diesseits inthronisiert hat. Sagt doch sogar der große Novalis: „Auf Erden ist der Krieg zu Hause, Krieg muß auf Erden sein" (Heinrich von Ofterdingen). Und in seinem rückhaltlos zornigen Nachwort zu Kierkegaards „Der Begriff des Auserwählten" kämpft zwar Theodor Haecker gegen die offiziellen Staats- und Staatskirchengreuel mit feuriger Rüge und bewunderungswürdiger Offenheit, gleichzeitig aber zitiert er rühmend Tertullians Wort: ,,Nichts ist uns Christen fremder als Politik" und ahnt gar nicht, daß er mit solcher Denkweise das Böse, das er verabscheut, selbst mit fördert und züchten hilft. Ich will im folgenden zeigen, wie falsch und verderblich die christliche Negation der Politik ist, — wie aber auch die heute als Gegensatz verkündete „aktivistische" Stellung einer wesentlichen Grenzberichtigung bedarf. Eine feste denkerische Basis für jede politische Arbeit, für unsere Palästinaarbeit insbesondere ist mir in den letzten Jahren immer mehr zum Gefühlsbedürfnis geworden. In diesen furchtbaren Jahren ist mir vieles als unklar und unsicher verloren gegangen. Doch diese eine Unterscheidung, von der ich gleich sprechen will, hat standgehalten. Vor langer Zelt in meinem Bewußtsein aufgetaucht,,

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