Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Soziale Steintafeln
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 461 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Soziale Steintafeln 461 jenigen, die an die Verwirklichung des Reiches Gottes denken, und diejenigen, die Brot und Ehre im eigenen Lande suchen wollen, sollen sich zum Bewußtsein bringen, daß beides nur dann möglich sein wird, wenn Palästina sozial durchgedrungen wird, wenn alle Juden, die nach Palästina gehen werden, sich die Grundsätze des jüdischen Nationalfonds zu eigen machen werden. Sie dürfen nicht daran denken, daß sie sich eine Bodenstelle wählen, kaufen und dann durch Araber bewirtschaften lassen, oder daß sie jüdische Arbeiter auf ihrem „eigenen" Boden fronen lassen, auf daß das faule Klassenverhältnis wieder eindringe. An alle, die sich dem Zionismus angeschlossen haben und noch weiter anschließen wollen und werden, ergeht der dringende Mahnruf: Achtet auf die Grundsätze des jüdischen Nationalfonds, den ihr unterstützen wollt; kein Eigentum des Einzelnen, aller Boden gehört dem jüdischen Volke, das das Obereigentum hat! Bleibt treu den alten Satzungen der Bibel und den altneuen Satzungen derjenigen Institution des jüdischen Volkes, die das Wohl der Gesamtheit sich zum Ziel gemacht, hat! 4- „Die Felder und aller Grund und Boden, wenn mc glich auch die Häuser, sollen dem öffentlichen Recht unterstellt sein, nämlich dem, der das Staatsrecht innehat. Von ihm sind sie gegen eine jährliche Abgabe an die Bürger oder die Städter und Landbewohner zu verpachten." Spinoza, Politischer Traktat (6. Kap. § 12). Man sieht, wie der biblische Kerngedanke sich weiter spinnt und wie er die größten Geister erfaßt: Spinoza, der tief aus den eigenen Schätzen des Judentums schöpfte, stellt den vorstehenden Satz als die Grundlage der Gesellschaft hin, bevor noch irgendwo der Kommunismus bekannt war. Die Scheu vor dem Kommunismus soll und darf nicht die Einführung gesunder Agrarverhältnisse hemmen, denn die bisherige Praxis im „heiligen Lande" beweist leider, daß privatkapitalistische Gewinnsucht, mit nationalem Schwung verbrämt, wohl nur dem privatkapitalistischen Zweck gedient hat, das nationale Interesse aber verflogen ist. Die größten palästinensischen Kolonien haben schon ihre „Fragen": die Araber-, die Arbeiter-, die Bodensteigerungsfrage! Das allerschlimmste, gefährlichste Problem bildet jedoch schon die Hintanhaltung der rapiden, ungesunden Boden Wertsteigerung. Hier ein paar Beispiele, die wir nach Curt Nawratzki anführen: Vor etwas mehr als 20 Jahren kostete ein Terrain in Rechoboth 4000 Frcs., das bis jetzt unbearbeitet blieb; zwei Drittel dieses Terrains wurden vom Eigentümer um 12000 Frcs. verkauft, für das letzte Drittel bietet man ihm 8000 Frcs. Der Boden ist also in 20 Jahren um 500% gestiegen. In Rischon-le-Zion kostete früher ein Dunam (Vn Hektar) sieben Frcs.; jetzt für Bauzwecke 1500 Frcs.! Nun die schlichte Frage: ob die deklassierten Existenzen des Ostens Europas unter solchen Verhältnissen unterkommen können? Ob es sich mit unserem Gewissen verträgt, jüdische Arbeiter zur Auswanderung in das „jüdische" Land zu bewegen, wenn dies Land den vom Boden abgerissenen Proletarier nicht aufnehmen kann? Ob es unter den gegebenen Verhältnissen nicht gewissenlos ist, die Agitation derjenigen Ideologen des verbohrten Kleinbürgertums, die die Erwerbung von Boden in Palästina in Privateigentum unermüdlich propagieren, zu dulden? Wohl könnte der gesamte Boden in Palästina durch Private angekauft werden, auch könnten wir das Glück erreichen, im heiligen Lande eine so und so große Anzahl von Groß- und Mittelgrundbesitzern