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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 459

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Soziale Steintafeln
Date
1918-01-01
Page
459 (sequence 2)
Language
German
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Soziale Steintafeln 459 Israels Bedeutung in der Welt ist diesen Steintafeln der Sittlichkeit zu danken. Gemeinhin nennt sie die Welt jüdische Religion, und soweit Juden und Judentum irgendwo noch Achtung genießen, so doch nur als „Schöpfer" der gereinigten Religion. Indes sind die Steintafeln Mosis, wenn auch an sich ein granitnes Werk, das immerhin das verstreute Volk wie mit einem eisernen Reifen zusammenhielt und noch hält, nicht das größte Werk jüdischer Gesetzgebung* Man hat bezeichnenderweise den gehaltreichsten Teil der Bücher Mosis und der Propheten vergessen und sich ihn nicht angeeignet. So kam es, daß die heutige Welt in seinem Ideengehalt zwei weltverschiedene Systeme vereinigt hat: Israels Moralgesetze mit Roms Rechtsgrundsätzen, woraus, wie die Geschichte blutig lehrte, kein soziales Amalgam entstehen konnte. Wenn also die jüdische Moral nachher reformiert durch das Christentum übernommen wurde, so ist sie tatsächlich durch das römische System des Gewaltrechtes illusorisch gemacht worden, aus welchem Grunde die heutige sogenannte zivilisierte Welt eigentlich in der Moral weder jüdisch noch christlich, sondern römisch ist. Der heutige Sozialismus sucht erst durch die Eliminierung der römischen Prinzipien des Gewaltrechtes aus dem Schacht der menschlichen Ideen diejenigen hervorzuholen, die wir schon alle im Pentateuch und bei den Propheten finden. Setzen wir nun die grundlegenden sozialen Gebote, die berufen sind, dem jüdischen Volke und auch der Welt die Erlösung von der äußeren Sklaverei und inneren Knechtschaft zu bringen, wieder ein und zeigen wir der Welt, daß den wahrsten und leider verkannten Kern der Bibel die sozialen Gesetze bilden. Erheben wir die sozialen Steintafeln über dem Weg des Volkes, und wir werden noch einmal die Welt moralisch erobern und zwar diesmal (um ein schönes Wort meines Freundes Kaplansky zu gebrauchen) durch die Religion des Sozialismus. Wir aber glauben, daß beide Begriffe im Grunde nicht im Widerspruch sind, denn wir können auch zur Befriedigung breiter gläubiger Schichten unseres Volkes sagen: durch den Sozialismus unserer Religion. Es kommt eben darauf an, daß der wahre Gehalt der jüdischen „Religion" zutage gefördert wird. Wohlan denn: Zunächst sollen Israels Agrargesetze wieder zur Geltung kommen beim Einzug in das jüdische Land. Tschlenows schlichtes und tiefes Wort soll sich jeder tief im Gedächtnis einprägen: mit der Bibel haben wir das Land verlassen und mit ihr wollen wir in das Land wieder einziehen. Nur nicht den Sinn dieses Wortes durch allzu buchstäbliche Auffassung verzerren: mit den Rollen als unseren Gesetzbüchern, die unser wirtschaftliches und soziales Leben regeln, sollen wir einziehen und zunächst unsere Siedelung im eigenen Lande so einrichten, wie es in den an der Spitze dieses Kapitels angeführten Geboten Mosis heißt. Also vor allem: „Das Land soll nach Anzahl der Namen zum Erbgute ausgeteilt werden. Die zahlreichere Familie bekommt ein größeres Erbgut und die schwächere Familie ein kleineres Erbgut; jedem wird nach Anzahl der Gemusterten ein Erbgut gegeben." (IV. B. Mosis Kap. 26. V. 53 f.) Und dann der zweite Hauptgrundsatz: „Grundstücke sollen nicht auf ewig verkauft werden, denn das Land ist mein, ihr aber seid nur Fremdlinge auf meinem Boden. In dem ganzen Lande, das euer Eigentum ist, soll bei Grundstücken das Wiedereinlösen stattfinden." (III. B. Kap. 25. V. 23 f.) Zu diesen Hauptgrundsätzen sollen sich zunächst die sich „erkorenes Volk" nennenden Juden wieder bekennen, sie sollen einfach den religiösen Satzungen der „heiligen Schrift" treu bleiben.' Diejenigen aber, die nur das Volk, das ein- 33*

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