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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 458

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Soziale Steintafeln
Date
1918-01-01
Page
458 (sequence 1)
Language
German
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458 Max Rosenfeld: SOZIALE STEINTAFELN Meinem Vater I. Nun scheint es Wille der Geschichte zu sein, daß, als ein Ergebnis des Weltringens zwischen den Nationen der Erde, das winzige, verstreute Volk das Recht auf den eigenen Boden wieder erlange und sozusagen die Sicherung erhalte, daß es auf dem nunmehr sandigen Boden der Väter ein eigenes, ungestörtes Dasein führe. Wenn wir nun allen Ernstes daran denken, den Boden mit dem Volke zu vereinigen, zu versöhnen und dauernd zu verbinden, auf daß das Volk nicht mehr von der eigenen Scholle gerissen und landlos werde, so wird uns schwindlig beim bloßen Gedanken, daß das wandernde Juda in den geheiligten Boden in seiner unruhigen Hast die sozialen Schäden der eben verlassenen Länder seiner bisherigen Zerstreuung miteinpflanze. Judas tragische Schuld kann dadurch neu geboren werden, und mit unerbitterlicher Konsequenz wird dann der Sturz kommen. Wo hinaus wollen wir, wenn wir auf eigenen Boden dasselbe Unrecht verpflanzen und verewigen, das wir eben fluchtartig wie eine Pest mieden? Legen wir uns nur alles zurecht, so prägnant, wie es das zionistische Pronunciamento sagt: Vorbereitung des Volkes und Vorbereitung des Landes. Der Zionismus ist in seiner tiefen Synthese jedoch mehr: er will nicht nur die territoriale Lösung der Judenfrage in dem Sinne, daß für das landlose Volk das Territorium, nämlich das eigene Land wiedergegeben werde, er will vielmehr, daß das Land durch das Volk und für das Volk wiedergewonnen werde. Er will nichts weniger als die erwähnte Verwurzelung des jüdischen Volkes im jüdischen Lande. Er will also knapp ausgedrückt, nicht nur territoriale Lösung der jüdischen Frage, sondern auch Erlösung des jüdischen Volkes durch die zu erreichende Erdgebundenheit seiner Gesamtheit. Dies bedeutet erst die Geburt der jüdischen Gemeinschaft. Und wenn wir wieder daran denken, wie ein landloses Volk das eigene deserte Land wiedergewinne, wie Juda auf den Schoß der heiligen Mutter Erde komme, so antworten wir ruhig und freudig: so wie es in den Büchern der Bibel geschrieben steht. Dort finden wir den besten Aufschluß, wie Juda in das Land Israels einzuziehen hat. Alles Gescheite ist schon gedacht worden, nur muß man es wiederdenken können. Das Wiederdenken ist uns jedoch nicht so leicht, es ist uns nicht mehr so nahe, vielmehr durch die Einfachheit geradezu entrückt. Wir verstehen heute nicht mehr die genialen sozialen Einrichtungen der Bücher der Bibel, uns haben die tausendjährigen systematisch praktizierten sozialen Schäden abgestumpft, wir verstehen kein anderes System mehr, als das des lange mitangesehenen und mitgemachten Unrechts auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Drum sei hier in eindringlichen Worten vor den Schäden gewarnt. 2. Mosis III. Kap. 25. V. 23f., ferner IV. Buch Kap. 26. V. 53 f. Das Gemeingut der weißen Rasse auf dem ganzen Erdboden ist der jüdische Dekalog, die zehn Gebote, dem wandernden Volke auf Steintafeln verkündet. Alle Welt gründet auf ihnen seine Moral und erzieht an ihnen seine Generationen.

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