Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Verhältnis der Juden zu den Arabern
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Arthur Ruppin: Felddiebstählen neigen und dabei auch vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken. Es ist auch richtig, daß im täglichen Leben der Fellachen das Geldverdienen die Hauptrolle spielt, und daß man, wenn zwei Fellachen miteinander reden, sie fast nie von etwas anderem als vom Beschlik (Geldmünze) sprechen hört. Aber das kann eigentlich nicht befremden, denn im Grunde ist der Bauer fast überall materialistisch und individualistisch gesinnt. Viel weniger sympathisch als der Fellache ist der städtische Effendi, besonders derjenige, der schon einen Hauch sogenannter europäischer Kultur verspürt hat. Bei ihm ist die naive Neigung des Fellachen zum Geldverdienen zu unersättlicher Geldgier geworden, und zur Befriedigung dieser Gier ist er in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch. Es sind hauptsächlich diese mehr oder weniger von der europäischen Kultur angefressenen städtischen Effendis, die das Verhältnis zwischen Juden und Arabern vergiftet haben. Sie sind es, die in dem Juden, der nach Palästina einwandert, nur ein willkommenes Ausbeutungsobjekt sehen und sich zu ihm freundlich oder feindlich stellen, je nachdem sie auf die eine oder die andere Weise mehr von dem Juden herauszupressen hoffen. Dabei spielt das Interesse ihrer eigenen Volksgenossen bei ihnen gar keine Rolle. Wäre es nur möglich, so würden sie ihre eigenen Volksgenossen ebenso schröpfen, wie sie es mit den Juden tun. Das Verhältnis zwischen Juden und Arabern wäre sicherlich besser, wenn unter den Arabern führende Männer von absoluter Rechtschaffenheit und Hingabe für das Interesse ihres Landes und Volkes zahlreicher wären, als sie es heute sind. Man kann hoffen, daß die hier geschilderten Schwierigkeiten für ein harmonisches Zusammenleben mit der Einführung besserer Bildung verschwinden werden. Ist nicht aber mit dem Ziele des Zionismus, die Juden in Palästina zur Mehrheit der Bevölkerung zu machen, notwendig ein dauernder Interessengegensatz zu der arabischen Bevölkerung gegeben? Und werden nicht die Araber Syriens und Ägyptens ein Palästina mit einer jüdischen Majorität als eine unerwünschte Barriere zwischen ihnen, als einen Pfahl im Fleische empfi den? Vor dem Kriege hätten die Araber es gewiß mit scheelen Augen angesehen, wenn die Juden in Palästina volle Entwicklungsfreiheit und eine Art von nationaler Autonomie erhalten hätten, während ihre eigenen nationalen Forderungen unerfüllt blieben. Im Kriege haben sich ja aber die Verhältnisse so gestaltet, daß als sicher anzunehmen ist, daß die Araber ihre nationalen Forderungen in weitgehendem Maße erfüllt sehen werden. Damit wird auch der Gewährung von Rechten an die Juden in Palästina der bittere Beigeschmack zu einem großen Teile genommen. Allerdings bleibt immer noch genug Konfliktstoff übrig. Der Friede wird sich nur dann erhalten lassen, wenn wir bei allen kolonisatorischen Maßnahmen in Palästina als oberste Richtschnur gelten lassen, daß wir dadurch keine wohlerworbenen Rechte der arabischen Einwohner schädigen dürfen. Wir müssen uns zwar unseren Platz in Palästina erwerben, aber wir sollen es nicht dadurch tun, daß wir die anderen von ihren Futterplätzen verdrängen, sondern dadurch, daß wii für uns neue Futterplätze schaffen. Zum Glück ist das möglich. In Palästina lebten vor dem Kriege auf 30 000 qkm höchstens 1 000 000 Menschen, und während des Krieges ist diese Zahl wahrscheinlich auf 750000, d.h. auf 25 Bewohner per qkm zurückgegangen. Das ist eine sehr dünne Bevölkerung. Der Boden ist in keiner Weise landwirtschaftlich voll ausgenützt. Ein beträcht-