Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 451 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Chronik 45* Halbheiten (man denke an die bekannte Erklärung von dem Busches) und ohne große Erfolge. Daß hier die antisemitische Einstellung der bisherigen Machthaber in Deutschland sehr mitgewirkt hat, ist klar. Erst das neue Deutschland, frei von diesen Einstellungen und Hemmungen, wird in der Lage sein, inneres Verständnis für die Probleme und Forderungen des jüdischen Volkes zu haben und die Judenfrage unter großen politischen Aspekten zu betrachten. Dies mag im Augenblick, da Deutschland zur Entwicklung der wichtigsten jüdischen Frage nicht viel zu sagen hat, unwichtig sein, für die Dauer wird es doch von erheblicher Bedeutung werden. Nichts wäre falscher, als wenn Juden jetzt angesichts der Machtlosigkeit Deutschlands dieses aus dem politischen Kalkül des jüdischen Volkes streichen wollten. Das Siebzigmillionenvolk der Deutschen bleibt ein zentraler Faktor der Weltpolitik, seine Nachbarschaft zum Osten wird ihm immer für viele jüdische Fragen erhebliche Bedeutung verleihen; wir werden stets mit Deutschland Politik machen müssen, und werden nun, da das neue Deutschland im Entstehen ist, es gern und freudig tun. Allein nicht von diesen nächstliegenden, augenfälligsten und unmittelbarsten Wirkungen der deutschen Revolution für uns Juden soll hier in in erster Reihe die Rede sein. Wichtiger noch sind die inneren Konsequenzen, die sie für das jüdische Leben haben wird, Konsequenzen, die nicht so oberflächenhaft wahrnehmbar sind, wie die oben erwähnten, die sich in ihrer vollen Stärke erst im Verlauf der nächsten Zeit mit der inneren Vertiefung und Klärung der revolutionären Umgestaltung des deutschen Daseins werden manifestieren können. Diese Wirkung betrifft vor allem die innere Lage des deutschen Judentums. Es kann nicht bezweifelt werden, daß die Haltung und das Auftreten, die Mentalität und die Empfindungsweise der deutschen Judenheit in jüdischen wie in menschlichen Dingen stark beeinflußt waren durch ihre Verwurzelung im Leben Deutschlands. Vor allem hat die staatliche Atmosphäre auf die deutschen Juden besonders stark eingewirkt, weil sie infolge ihrer Zurücksetzung und Gefährdetheit in ihren bürgerlichen Rechten sehr unsicher und empfindsam, überaus ängstlich und mißtrauisch wurden. Von welcher tiefgehenden Wirkung dies war, zeigt nichts klarer als die Haltung der Majorität der deutschen Juden zum nationaljüdischen Gedanken; zweifellos war ihre ablehnende Stellungnahme in erster und entscheidender Reihe durch die Unsicherheit in ihrer staatsbürgerlichen Position bedingt. Fast alle ihre Bedenken und Hemmungen gegen das Bekenntnis zum nationalen Gedanken waren Umschreibungen und Verhüllungen dieses einen Moments ihrer Stellung zum deutschen Staate; aus „Patriotismus" , weigerten sich die deutschen Juden, sich der nationalen Bewegung anzuschließen. Hier hat nun die deutsche Revolution eine tiefgehende Wandlung der Situation herbeigeführt. Schon die Beseitigung der Entrechtung wird mit der Zeit den deutschen Juden in staatlichen Dingen sicherer und ruhiger, gefestigter und selbstbewußter werden lassen. Der wirklich gleichberechtigte Jude, dem die volle Gleichberechtigung etwas Selbstverständliches ist, wird nicht mehr sein gesamtes Tun und Auftreten von der Rücksichtnahme auf die Meinung des Staates und der „Anderen" bestimmen lassen. Die Ängstlichkeit und Bangigkeit, das unwürdige Schielen auf die „Anderen" wird ein Ende nehmen und damit das stärkste Hemmnis für jede wahrhafte Erziehung des deutschen Juden zu einem selbstbewußten, politisch aktiven Judentum beseitigt sein. Noch ein anderes kommt hinzu. Die gesamte staatspolitische Atmosphäre - in Deutschland hat durch die Revolution eine entscheidende Umgestaltung er-