Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 450 (sequence 2)
- Language
- German
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450 Amitai: Insofern es sich da um einen neuen Versuch des Volkes handelt, sein Dasein und seine Zukunft, seine Organisation und Lebensform besser, gerechter, menschenwürdiger zu gestalten, überlebte Bindungen und Fesseln zu sprengen und nach ethischen Prinzipien sein Leben neu zu formen, werden wir — ganz abgesehen von den Beziehungen des Einzelnen zu Deutschland und zum Deutschtum — als Juden, als Menschen jüdischen Wesens und jüdischer Art innerlich interessiert zu diesem Werke stehen, und soweit es die jüdischen Imperative unseres Lebens gestatten, an ihm ehrlich und bewußt, bauend und formend, mitwirken. Für das deutsche Judentum wird die deutsche Revolution von vielfacher und tiefgreifender Bedeutung werden. Ich denke hierbei nicht in erster Reihe an das Nächstliegende und Unmittelbarste: an die Änderung seiner staatsbürgerlichen Stellung in Deutschland, Die Zurücksetzung der deutschen Juden im politischen Leben des Landes hat ihr Ende gefunden, und wenn auch nicht immer (und bei einer Konsolidierung der Verhältnisse schon bald nicht mehr) die Zahl der jüdischen Minister so groß bleiben wird, wie sie es im Augenblick ist, so wird doch die volle lückenlose Gleichberechtigung ein gesichertes Ergebnis der Revolution bleiben. Dies ist, wenn es auch nur eine äußere Besserung der Lage der deutschen Juden darstellt, immerhin von Bedeutung. Von Bedeutung ist auch das andere Ergebnis, das die deutsche Revolution in ihren äußeren Wirkungen für das Judentum gezeigt hat: der Sturz der (nach der russischen Revolution und dem Zerfall Österreichs einzigen) antisemitischen Großmacht unserer Zeit. Das war das alte Deutschland zweifellos, war es als Bollwerk der traditionalen Mächte und Tendenzen Europas ganz natürlicherweise. Sein Zusammenbruch bedeutet eine Reinigung der weltpolitischen Atmosphäre von den antisemitischen Dünsten, die sie vor dem Kriege — vom Kriege ganz zu schweigen — erfüllt haben. Solche atmosphärische Änderungen der Weltpolitik sind von größerer Bedeutung, als es manchem, der im politischen Leben nur die augenfälligen äußeren Fragen wahrzunehmen pflegt, glauben mag. Die Existenz der drei antisemitischen Großmächte, des zaristischen Rußland, des monarchischen Deutschland und des klerikalen Österreich, war vor dem Kriege in jüdisch-politischer Hinsicht vielleicht nicht so stark fühlbar, weil es noch keine großzügige, systematische, wirklich jüdische Politik gab. Ihre Fortexistenz würde für die Zukunft sehr viel fühlbarer geworden sein, nachdem in diesem Kriege die Epoche der selbständigen nationalen Politik unseres Volkes begonnen hat. Der Zusammenbruch dieser drei Mächte in ihrer alten Form bedeutet somit eine wesentliche Erleichterung für die Führung der jüdischen Politik, und der Umstand, daß derselbe Krieg, der die Inaugurierung einer weltpolitisch anerkannten jüdischen Nationalpolitik brachte, auch den Sturz der drei judenfeindlichen Großmächte herbeigeführt hat, ist ein eigenartiges Zusammentreffen, das zum Nachdenken Anlaß geben mag. Von ganz unmittelbarer Bedeutung wird die Überwindung des antisemitischen Charakters Deutschlands vor allem nach der Hinsicht werden, daß eigentlich Deutschland erst jetzt befähigt sein wird, wirklich politisch der Judenfrage näher zu treten, und somit beginnen wird, für uns ein Kontrahent unserer Politik zu werden. Wir haben auch mit dem alten Deutschland politische Verhandlungen geführt, und auch die frühere deutsche Regierung hat versucht, zu den jüdischpolitischen Fragen Stellung zu nehmen; aber es blieb doch letztlich stets bei