Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Amitai: Chronik fahren. Das staatspolitische Denken und Fühlen, die politische Mentalität des alten Deutschland war beherrscht und bestimmt von dem spezifisch preußischen Staatsbegriff, wie er in Hegels Staatsphilosophie den stärksten und grandiosesten Ausdruck gefunden hat: von dem Begriff des allmächtigen Staates, des Idols Staat. Der Staat des alten Deutschland hatte die innere Macht und Würde eines Götzen, er hatte die metaphysische Weihe, die ihm in den Augen seiner Bürger eine wahrhaft göttliche Allmacht verlieh. Er durfte restlos über seine Bürger verfügen, er erhob Anspruch nicht nur auf ihr Tun und Lassen, sondern auf ihr Sein und Sollen, auf ihre gesamte Wesenheit und Person; er reklamierte jeden seiner Bürger ganz und gar für sich und gestattete ihm keine anderen starken Bindungen, die über die Grenzen des Staates hinausgingen. Der Sozialdemokrat, der Pazifist, der Internationalist galt dem alten Staat als schlechter Patriot, weil er seine Zugehörigkeit zu anderen außerstaatlichen und überstaatlichen Gemeinschaften betonte. Es entsprach durchaus dieser Staatsauffassung und dieser staatlichen Mentalität, an die sich der deutsche Jude assimiliert hatte (so unjüdisch und dem jüdischen Ethos widersprechend dieser Staatsbegriff auch ist), wenn der deutsche Jude aus patriotischen Bedenken sich nicht jüdisch-national zu bekennen wagte und den Zionisten einen schlechten Patrioten schalt. Er glaubte durch seine Solidarität mit dem Gesamtjudentum, durch sein Bekenntnis zur internationalen Volksgemeinschaft der Juden seine Pflicht dem Staate gegenüber zu verletzen und befand sich dabei in Übereinstimmung mit der Auffassung dieses Staates selbst. Dieser Staat ist in der Revolution zusammengebrochen; ein neuer Staatsbegriff ist zur Herrschaft gelangt, der dem Staat nicht mehr die götzenhafte Allmacht zugesteht, der liberaler, humaner, freier ist, der den Menschen nicht mehr in seiner Totalität für sich beansprucht, der ihm die Zugehörigkeit zu überstaatlichen und außerstaatlichen Gemeinschaften gestattet, weil er selbst nicht mehr Selbstzweck und absolutes Wesen ist, sondern Mittel und Werkzeug im Dienste des Geistes, und der Menschheitsidee untergeordnet. Daß die sozialistischen und pazifistischen Tendenzen und Parteien die Schöpfer des neuen Deutschlands sind, ist die sinnfälligste Manifestation dieser geistesgeschichtlich vielleicht bedeutsamsten Wandlung, die die Revolution herbeigeführt hat. Dies wird aber naturgemäß für die deutschen Juden von außerordentlicher Bedeutung werden. Haben sie sich erst einmal auf diesen neuen Staatsbegriff eingestellt, so werden sie sich nicht mehr aus patriotischen Bedenken gegen den Anschluß an das nationale Judentum sträuben. Das stärkste Hemmnis für ihr Bekenntnis zum jüdischen Volkstum wird fallen, und die Bahn wird frei sein für die Nationalisierung und jüdisch-politische Aktivierung der deutschen Juden. Von welch segensreichen Folgen dies für die jüdische Gesamtheit werden muß, was der Anschluß des deutschen Judentums mit seinen außerordentlichen politischen Potenzen, seinen geistigen Energien, seinen kulturellen Qualitäten an die nationale Bewegung bedeutet, braucht nicht gezeigt zu werden. Die deutsche Revolution wird so früher oder später auch eine Revolutionierung der deutschen Juden nach sich ziehen. Der Anfang ist mit der jüdischen Kongreßbewegung bereits gemacht, von der in der nächsten Chronik ausführlich die Rede sein soll. Die wichtigste Aufgabe, die sich aus der deutschen Revolution für uns Juden in Deutschland ergibt, ist die schon seit langem notwendige und nunmehr möglich gewordene jüdische Revolution in Deutschland in Angriff zu nehmen und durchzuführen. Amitai