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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 445

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz
Date
1918-01-01
Page
445 (sequence 5)
Language
German
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Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz 445 bedingt erforderlichen, aber bei einer aus Vertretern verschiedener Staaten bestehenden Körperschaft unmöglich immer bestehenden Einheitlichkeit der Meinung und des Willens, ein Mangel, der der jungen Siedlung auf das äußerste gefährlich werden könnte. Nach den durch die englische Eroberung Palästinas gegebenen tatsächlichen Machtverhältnissen, den auf den Vorbesprechungen der Staatsmänner der Entente höchstwahrscheinlich getroffenen Vereinbarungen und der weltpolitischen Konstellation überhaupt ist anzunehmen, daß Palästina ohnehin in die englische Einflußsphäre fallen wird. Eine gewisse englische Schutzhoheit über Palästina für die Werdezeit des neuen Gemeinwesens entspräche also nicht bloß den palästinensischjüdischen, sondern auch den Forderungen der Entente und schließlich auch den besonderen Erwägungen der jüdischen Diaspora, die wohl kaum einen zweckmäßigeren, in Fällen von Rechtsbeugung anzurufenden politischen Kurator finden könnte als diesen weltpolitisch gegebenen Schirmherrn ihres eigenen Schutzstaates. Fügt man noch hinzu, daß die englische Judenpolitik und Begünstigung des Zionismus anscheinend doch auf mehr als auf rein praktischen Gesichtspunkten beruht, vielmehr nüchterne Tatsachenmenschen vielleicht „sentimental" anmutende religiös-ethische Beziehungen dieses alten und stolzen Bibelvolkes zum Judentum möglicherweise eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben mögen, dann sehen wir eine recht weitgehende Konvergenz der Interessen. Es soll jedoch nicht verkannt werden, daß die englische Weltkultur der aufstrebenden hebräischen, die allein den besonderen, im jüdischen, also durchaus geistigen Sinne universellen Charakter unserer Siedlung zu sichern vermag, gefährlich werden könnte. Aus diesem und aus anderen, politischen Gründen ist für Palästina nicht die Stellung eines bloßen englischen Dominion zu wünschen, zumal die Zionisten auch auf die außerordentlich und in jeder, insbesondere in wirtschaftlicher und finanzieller Beziehung wichtige Mitarbeit der Vereinigten Staaten von Amerika sowie die des hoffentlich bald wieder erstehenden Rußland am Aufbau des neuen Gemeinwesens nicht verzichten wollen. Da wir die besonderen, unvergleichbaren, nicht nationalistischen, sondern menschheitlichen Ziele unseres Werkes nicht aus den Augen verlieren wollen, sei gerade an dieser Stelle, bei der Erwägung aller Vor- und Nachteile der verschiedenen staatsrechtlichen Stellung Palästinas, nicht das Bekenntnis unterdrückt, warum wir den selbständigen Judenstaat aus weit tieferen, menschlicheren Gründen als den erörterten nicht ohne weiteres wünschen. Uns Zionisten treibt nicht das Verlangen nach staatlicher Selbständigkeit, sondern nach nationaler Freiheit. Wir haben keine Sehnsucht nach dem bloßen Machtvehikel des Staates, dessen Egoismus und „konstitutioneller", natürlicher Imperialismus, ob sich dieser nun intern oder extern betätigt, nichts Erstrebenswertes ist. Unsere tiefe Überzeugung, daß der Staat an sich etwas Schlechtes ist, werden vielleicht viele nicht teilen, der moderne Staat ist es aber ohne Zweifel; wenigstens hat noch kein Beispiel der Wirklichkeit das Gegenteil erwiesen. In diesem Zeitpunkt naht dem jüdischen Volke neuerlich eine geschichtliche Verführung, eine der gefährlichsten, deren es sich je zu erwehren hatte, und der es auch einst unterlag. Und sicherlich wird sie, wenn wir sie jetzt bestehen, in den kommenden Jahren immer wiederkehren und schon heute läßt sie sich darum als der Gegenstand der künftigen schwersten Kämpfe im jüdischen Lande bezeichnen. Die Bibel schildert, wie diese Versuchung zum erstenmal an das jüdische Volk herantrat: „Und Samuel sagte alle Worte des Herrn dem Volke, das von ihm einen

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