Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 446 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101147-3103950--2832-3103975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
446 Albrecht Hellmann: König forderte und sprach: Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird; eure Söhne wird er nehmen zu seinem Wagen und zu Reitern, und daß sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig und zu Ackerleuten, die ihm seinen Acker bauen, und zu Schnittern in seiner Ernte, und daß sie seine Kriegswaffen und was zu seinen Wagen gehört machen. Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie seine Salbenbereiterinnen, Köchinnen und Bäckerinnen seien. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Knechten geben. Und eure Knechte und Mägde und eure schönsten Jünglinge und eure Esel wird er nehmen und seine Geschäfte damit ausrichten. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müßt seine Knechte sein. Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der Herr zu derselben Zeit nicht erhören. Aber das Volk weigerte sich, zu gehorchen der Stimme Samuels und sprach: Mitnichten, es soll doch ein König über uns sein, daß wir auch seien wie alle Völker, daß uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe." (i. Buch Samuel, 8, 10—22.) Heute, da der Absolutismus des Königtums fast allenthalben dem Absolutismus der Republik gewichen ist, kann der Staat die Worte Ludwigs XIV, variieren: „Le roi c'est moi." Das gilt von der Untertanschaft und den Steuern ebenso wie vom Kriegführen. Wir aber — und das ist die entscheidendste, die tödlichste Frsge des Zionismus — wollen nicht sein wie alle Völker! Sollen wir es da nicht fast als eine Schicksalsfügung bezeichnen, daß uns in den ersten Stunden unserer Wiedergeburt die Zufälligkeit der politischen Konstellation der ersten und schwersten Versuchung enthebt? Um so gefährlicher aber wird dann die künftige Verführung sein! _ Nach diesem Exkurs wird es niemand als Imperialismus auslegen können, wenn das jüdische Volk bei der Friedenskonferenz auch im Hinblick auf die jüngsten schrecklichen Ereignisse die Forderung erhebt, daß die Grenzen seines Landes möglichst weit erstreckt werden. Eine Aufteilung Palästinas unter zwei Großmächte gar, die eine Zeitlang drohte und die auch heute noch nicht aus dem Bereich des Möglichen geschwunden ist, wäre einem Stoß in das Herz des jüdischen Volkes gleich. Die Auswanderung derer, die in der Diaspora nicht bleiben können und nicht bleiben wollen, wird eine alle Erwartungen übertreffend große sein. Sehr vielen, die sonst physisch durchaus die Möglichkeit hätten, hier zu bleiben, erscheint rein psychisch das Leben in einer so furchtbar mit Judenhaß gesättigten Atmosphäre, wie sie über vielen Ländern lagert, unmöglich. Selbst Leute, die bisher vom Zionismus fast keine Ahnung hatten, treibt es hinweg. Denkt man jetzt an die ungeheuren Mengen, die aus anderen Gründenauswandern müssen, und an diejenigen, deren höchste Sehnsucht das Leben in der Heimat ist, wird einem fast bang, wie das kleine Palästina alle aufnehmen soll. Nicht Herrschsucht, sondern schlechthin das Lebensbedürfnis unseres Volkes zwingt uns, die nationale Heimstätte „in den durch geschichtliche Überlieferung und durch politische und ökonomische Notwendigkeiten bestimmten Grenzen" zu fordern, wie es das Manifest des Kopenhagener Bureaus glücklich formuliert hat. Eine Trennung auch nur eines Teils Galiläas von Judäa, die beide ein Land, Erez Israel, sind, wird das jüdische Volk niemals zugeben, weil es diese Teilung einfach nicht zugeben kann.