Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 444 (sequence 4)
- Language
- German
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444 Albrecht Hellmann: Maß dieses Schutzes hänge nur von den realen Machtmitteln des Schutzstaates ab. Das wäre nur insofern richtig, wenn man zu den sogenannten realen Machtmitteln die höheren Realitäten der Imponderabilien rechnet. (Nicht die „realen" Machtmittel der Entente: zahlenmäßige Überlegenheit der Menschen, Waffen und sonstigen Hilfsmittel des Krieges haben die Zentralmächte besiegt. Gesiegt hat die höhere Staatskunst England-Frankreichs, also ein Mittel des Geistes, nicht der Gewalt, sie nämlich hat der Entente immer neue Bundesgenossen geworben und damit auch zum Schluß ihre „reale" Übermacht herbeigeführt. Und ebenso hat auch die höhere militärische Kunst Deutschlands, ebenfalls ein Mittel des Geistes, wenn auch ein in der geistigen Rangordnung niedrigeres, gewalttätigeres als das politische, die „reale" Überlegenheit Rußlands bezwungen.) Wir dürfen wohl annehmen, daß der künftige jüdische Staat gerade durch seine moralische Kraft eine hohe politische Potenz darstellen und darum wirksamer, als man heute vielleicht anzunehmen geneigt ist, die jüdische Diaspora vertreten und schützen wird. Wäre es anders, so müßten wir die Hoffnung aufgeben, daß unser Heimatland mehr sein wird als die Staaten, die jetzt entstehen oder wiederaufgerichtet werden. Wovon wir im tiefsten durchdrungen sind, ist der Glaube an Zion als Verwirklichung unserer menschheitlichen Sendung und der biblischen Verheißung, unser Glaube an das jüdische Land nicht bloß als Zentrum des Judentums, sondern auch als Herz der Welt. Bleiben wir aber bei den politischen Gegebenheiten, so gewinnt auch bei Betrachtung der Aufgabe, die Palästina als politischem Zentrum der Judenheit der ganzen Welt zufällt, ganz abgesehen von der Sicherung der Palästinasiedlung selbst, die Frage nach der Staatsform und dem SouveränitätsVerhältnis die höchste Bedeutung. Denn wie wir einerseits die „realen" Machtmittel nicht überschätzen dürfen, dürfen wir sie andererseits auch nicht unterschätzen und alles Gewicht auf „Irrealitäten" legen. Da hier nun ein Interessenstreit zwischen Palästina und Diaspora möglich wäre, muß mit vollster Klarheit als Grundgedanke des Zionismus der Primat Palästinas über die Diaspora hervorgehoben und eindeutig festgehalten werden. Nicht nur in der jetzt zu beantwortenden, sondern wahrscheinlich auch bei vielen anderen noch kommenden Fragen könnte dieser Widerstreit möglich werden und nach einer Entscheidung drängen. Es sollte darum von der Leitung der zionistischen Organisation und vom nächsten Zionistenkongreß als deren berufenstem Sprecher autoritativ gegenüber allen Galuthpolitikern innerhalb und außerhalb unserer Reihen das Prinzip des absoluten Primats des Palästinagedankens verkündet werden. Bei der vorliegenden Frage dürfte sich aber kaum ein Konflikt der Interessen ergeben. Nach den Äußerungen, die aus Palästina kommen, und denen unserer Freunde in England besteht dort die zweifellos richtige Anschauung, die wohl auch von den übrigen zionistischen Landsmannschaften anerkannt werden dürfte, daß vorläufig die Begründung eines selbständigen Staatswesens nicht gut möglich ist. Der Grund ist klar: die jüdische Bevölkerung Palästinas, die durch den Krieg überdies einen sehr erheblichen Teil ihrer ursprünglichen Zahl verloren hat, bildet nicht die Majorität und, selbst wenn dies der Fall wäre, könnte sie vorläufig einer Anlehnung nicht entbehren. Gegen den früheren Vorschlag der amerikanischen Zionisten auf Einsetzung einer internationalen, vom Friedenskongreß zu bestellenden Kommission zur Vertretung und Verwaltung des Landes werden schwerwiegende Bedenken geltend gemacht. Das gewichtigste ist der Mangel einer un-