Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Wir und "die anderen"
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 199 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 199 nichts von dem „jüdischen Geist" in das deutsche Staats- und Heerleben einführen; denn diesen Geist empfinden sie als eben so unjüdisch, wie wir ihn als undeutsch empfinden» Als Menschen bilden sie, wie gesagt, an Charakter wie an Geist eine Auslese. Sie würden also keine Gemeinschaft verschlechtern, in die sie aufgenommen würden. Man betrachte sie wie edle Flüchtlinge eines zerstörten Vaterlandes.. Selbst solchen rühmenden Worten kann der unnachgiebige Zionist seine Richtigstellung nicht vorenthalten. Unwesentlich für diesen Zusammenhang, aber wichtig für andere Deutungen mag sein, daß es den Zionisten nicht um den Staat in Palastina geht; wesentlich für alle Einschätzungen aber bleibt es, daß die Zionisten, so wenig Gefallen sie seit jeher an dem Verzückungstanz um den jüdischen Reserveoffizier gefunden haben, auf die volle Gleichstellung Anspruch erheben nicht als auf ein Geschenk und eine Belohnung ihrer Lauterkeit, sondern als auf ein unanfechtbares Recht. Die Gründe, die dessen Einräumung auch vom menschlich-deutschen Standpunkt wünschenswert erscheinen lassen, dürfen sich die konservativen Politiker vielleicht bei Schmitz ausleihen; die Zionisten bedanken sich für Begünstigungen, wo Rechte zu gewähren sind. Die Getauften tut Schmitz durch die Erwähnung ab; hier täte dem Reinlichen und Konservativen Sonderung und, in so vielen Fällen, deutliche Abschüttelung not, wenn die Juden an die moralischen Siebungen glauben sollen. Was in diese drei Arten nicht paßt, fließt im Sammelbecken: „die anderen" zusammen. Damit meint Oskar A. H. Schmitz vor allem die unentschiedenen Juden, denen Judentum, dem Anschein nach, nur eine Erinnerung ist, die aber trotzdem vor Taufe und Abfall zurückschrecken. Schmitz will sie selbst nicht verleiten, er achtet als Deutscher auch ihr Bekenntnis: „Wir sind Juden und wollen *s bleiben/' Er sieht aber, daß gerade bei ihnen und ihrem Typus der zersetzende und mißachtete jüdische Geist, der der Deutschen Widerspruch herauslockt, zuhause ist, daß in ihnen das Uneinheitliche, Unechte, die gebrochene Halbheit, nach innen als tiefe Tragik, nach außen als komische Zweideutigkeit wirkt Diese Juden haben den inneren Bruch und pflegen „die westlichen Ideale einer schollenlosen Mensehheitsverbrüderung". Ihre Existenz zwingt zu dem Geständnis: „Solange sich die Judenfeindschaft gegen das zersetzende Judentum wendet, kann man ihr nicht widersprechen." Darum fordert Schmitz gerade von diesen Halben die Entscheidung: für ihr eigenes jüdisches Volkstum oder — durch die Taufe als Sinnbild ihrer Willensrichtung — für das christlich-germanische Volkstum. Die Juden müßten etwas Entgegenkommen zeigen: wenigstens ihre Kinder müßten sie taufen lassen, um sie an allen eindeutschenden Wirkungen des ganz ungesonderten Milieus teilnehmen zu lassen. Wenn der Aufruf zur Entscheidung solcherart von außen her ertönt, muß auch der selbstbewußte Jude, auch der Zionist aufhorchen, der seinen unentschiedenen Brüdern immer wieder den Ruf zur Entscheidung verkündet hat. Er muß feststellen, oh hier sein Ruf im Echo nicht entstellt und verfälscht worden ist. Er wird merken, daß der Außenstehende, auch wenn er Disraelis Leben erforscht hat, die Stärke und Vielfältigkeit der Bindungen* in denen „die anderen0 verstrickt sind, zu rationalistisch mißt, weil hier der Schwerthieb den Knoten nicht teilen kann. Gerade die unnachgiebigen Zionisten erfahren durch die Beobachtung der Wirkung ihres Rufs zur Entscheidung, daß im Sammelbecken der „anderen41 noch außerordentlich viel fruchtbares Werden zur Schichtung führt. Sie selbst fordern die Entscheidung der Brüder. Aber sie wissen, daß sie, objektiv beträchtet, ihre Zeit braucht. Daß der einzelne Unentschiedene sich zur Tendenz bekennt, die zur Klärung und Reinigung der Halbheiten drängt — das ist die Forderung der sich entscheidenden Juden. Der schnelle Schnitt aber, mitten hinein ins werdende Leben, in dem neue jüdische Kräfte ihr Werk begonnen haben, wäre oft geradezu die eigentliche Lüge. Darum darf wohl, nicht nur um des Judentums, sondern auch um des reinen Menschentums willen, von der kompromißlosen jüdischen Seite die Tendenz zur Entscheidung gefördert werden. Sie darf aber nicht von außen her erzwungen werden — vor allem nicht von der Seite, die die Rechte verleihen möchte —, weil sie sonst eine Entwicklung fälschlich vorwegnimmt, die bei dem Kern der „anderen" noch lange nicht ausgegoren hat Darum dürfte den Deutschen nichts anderes übrig bleiben, als dem inneren Kampf im Judentum, ohne plumpen Eingriff, zuzusehen. Die Entschiedenen und sich Entscheidenden dürfen es, wenn sie so hoch eingeschätzt werden, um so eher erwarten, daß man den inneren Kampf im Judentum nicht durch Drohrufe von außen her in eine falsche Bahn zwinge. Einige der feinsten Blüten des zum Ganzen und Echten entschlossenen Judentums