Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Wir und "die anderen"
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 198 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Wir und „die anderen" Die unter dem Titel „Englands politisches Vermächtnis an Deutschland" (bei Georg Müller in München 1916) erschienene Neuausgabe des Disraelibuches „Die Kunst der Politik" von Oskar A. H. Schmitz ist unter anderem um einen Abschnitt über „Die Judenfiage" erweitert. Disraeli, der englische Tory-Führer, steht gegen Lassalle, den deutschen Sozialdemokraten, Und aus der Vergleichung dieser beiden politischen Juden und ihrer Wege und Wirkungen schöpft Oskar A. H» Schmitz die Frage: Wie soll sich Deutschland künftig zu seiner Judenschaft stellen? In .Deutschland findet er, nach reinlicher Scheidung suchend, vier Arten von Juden, die durchaus verschieden gewürdigt werden müßten: diu Rechtgläubigen, die Zionisten, die Getauften und die „anderen". Man kann nicht verhehlen, daß das Schema zu primitiv ist Aber wenn man selbst damit nicht rechten will — auch die Zeichnung und Wertung der vier Arten scheint etwas willkürlich. Die rechtgläubigen Juden lassen es sich mit Recht nicht zumuten, die Treue des Bekenntnisses gegen den Verzicht auf die Gleichberechtigung eintauschen zu müssen. Die Beweisführung für die Notwendigkeit dieser Beziehung wird von Schmitz auch gar nicht angetreten. Sie würde ergeben, daß die strenge Rechtgläubigkeit weder in Disraelis Land die Glaubensgenossen des großen Ministers zwang, sich zum Verzicht auf bürgerliche Rechte zu entschließen, noch in den süddeutschen Staaten das harte Nein auslöst, wo das Jude-sein eben an sich auf eine freiere Auffassung bürgerlicher und militärischer Einrichtungen trifft; und in Österreich hat gerade die schwerste Zeit der Kriegsbewährung neben den Anblick der tausendfältig voraneilenden jüdisch-nationalen und zionistischen Soldaten und Offiziere das Bild und die Erwähnung der Rechtgläubigen gestellt, die den höchsten Anforderungen des Vaterlandes und den strengsten des Religionsgesetzes in gleicher Weise treu bleiben. Der Staat überläßt ihnen die Entscheidung des Konflikts, wie sie im Schlachtenlärm vorschriftsmäßig bereitete Speise sich beschaffen — ja, er hilft ihnen soweit als möglich, die Lösung ohne Mühe und Mangel zu finden. Er muß sich ja auch mit Protestanten und Griechisch-orthodoxen und Mosiims zurechtfinden. Was Schmitz über die Zionisten sagt, darf man verzeichnen. „Sie sind die rassestolzen Juden von der Art Disraelis, die sich ihrer alten Abstammung rühmen und in ihrer Beurteilung des heutigen Großstadtjudentums mit den Judenfeinden in vielen Punkten übereinstimmen. Nur sagen sie, daß die mißachtete heutige jüdische Art nicht Rasse - erbteil sei, sondern die Folge Jahrhunderte langer Unterdrückung, Als Heilmittel aber verlangen sie nicht möglichstes Aufgehen der Juden in ihr Wirtsvolk, sondern stolze Selbstbesinnung auf die eigene, unverfälschte Art. Die jüdische Heimat soll wieder Zion werden, wo sie einen zeitgemäßen, den anderen gleichberechtigten Staat gründen wollen. Wer auch immer in Europa oder gar in Palästina, wo die jüdischen Ansiedelungen längst begonnen haben, mit Zionisten verkehrt hat, wird überall die höchste Lauterkeit des Charakters, verbunden mit der starken Geistigkeit des Judentums, gefunden haben. Nun sollte man glauben, daß die Zionisten auch nichts anderes als vorläufige Gastfreundschaft verlangten, bis ihr zionistisches Ideal Erfüllung findet. Dem ist aber nicht so. Eine Volksseele wird nicht allein durch die Logik geleitet; und so verlangen die meisten Zionisten die Zulassung zu den höchsten Staats- und Militärämtern im Reich. Es hat nicht viel Zweck, darüber mit ihnen zu streiten. Daß sie logisch im Unrecht sind, ist kein Zweifel; aber die Frage erhebt sich, ob man ihnen nicht trotzdem der Früchte wegen entgegenkommen kann.'* Und Schmitz entscheidet großmütig für die Forderung der unnachgiebigen, empfindlichen Zionisten: „Gibt man nun nicht oft einem empfindlichen, aber sonst wertvollen Menschen gern nach, zumal, wenn daraus ksin Schade entsteht? Die Zionisten wüiden