Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Wir und "die anderen"
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 200 (sequence 3)
- Language
- German
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200 Bemerkungen entsprangen uns aus dem Wald der „anderen". Und die Hoffnung unserer Zukunft im Westen holen wir gerade aus den Schären der Kinder, die für unser Volkstum sich entscheiden, wenn auch die Väter noch zu den »»anderen41 gehörten. Die Entscheidung halber Väter darf das Judentum nicht um den fruchtbaren Kampf um die Seele der Kinder bringen. Auch hier gilt es den unnachgiebigen Zionisten nicht eine Gnadenfrist und ein Geschenk, sondern ein unveräußerliches Recht. Und das ist — das dürfen gegen Oskar A. H, Schmitz gerade die jüdischen Gegner der „anderen" aussprechen — das Beste in der tragisch-komischen Seele der halben Väter: sie ahnen, daß erst die Kinder den fruchtbaren Kampf zum Austrag und zur Entscheidung bringen v/erden. L. H. Ein ungewohnter Helfer Es wäre töricht, die beachtenswerte jüngste Äußerung des Abgeordneten Gothein zum ostjüdischen Problem zu überschätzen*), als sei dann deutschliberale Schriftstellern bei ihrer Wandlung angelangt.Wohl wird hier gesagt: „Ihre (der Ostjuden) große Mehrheit fühlt sich als besonderes Volk, als Stamm, als Nationalität.*' (S. Z2i.) Und es wird vermerkt: „Die große Masse der polnischen Juden will dagegen auch politisch als eigene Nationalität angesehen werden und in getrennter Kurse wählen." (S, 223,) „.., im Ernst kann auch niemand daran denken, den polnischen Juden eine andere Sprache oder Bildung aufzudrängen. Der Versuch würde ein Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt bleiben." (S. 224.) Auch hat Gothein erkannt, daß die nationale Bewegung keineswegs nur als zionistische oder territorialistische Bemühung in Erscheinung tritt: „Im übrigen muß das Ostjudenproblem so weit irgend möglich im Lande selbst und nicht durch Auswanderung gelöst werden." (S. 227.) Aber dagegen und gegen andere kluge Erkenntnis stehen Satze, die leise, wie in der Er* innerung an frühere liberale Stellungnahme, das Eingeständnis unseres Volks eins abschwächen: „Wäre der Gedanke des vollständigen Aufgehens der jüdischen in der polnischen Bevölkerung, die Assimilation, aussichtsreich, so würde dieser Weg im Kulfcurinteresse (!) vorzuziehen sein". (S. 223.) Darum mag man von Gothein nicht neuar- ♦) „März" 1916, 12. Heft: Die Juden in Polen. tiges Verstehen ostjüdischer Tatbestände, noch eine irgendwie originale Anschauung unserer Volksgemeinschaft fordern — wie viele Juden vermögen sie heute? Menschlich schön und erfreulich bleibt doch, daß der Mann das Problem wacker anging und sich das Umlernen nicht verdrießen ließ. Er hat es zwar nicht ausdrücklich angemerkt, aber in diesem Aufsatz zeigt es mancher Satz, daß dieser deutsche Politiker seine früheren, noch vor Monaten im „März" veröffentlichten Ansichten über die Germanisierung der Ostjuden vollständig änderte. Mir ist es, wenngleich nur aus schmerzlicher Erinnerung, noch gegenwärtig, wie er dem Juden damals gegenüber der polnischen und anderer Nationalität den Anspruch auf wesentliche Volksrechte (Wahlkataster) bezweifelte, und vollends seine SchuKrage leichthin abtat. Es scheint, als hätten sich ihm nun die Scheuklappen abgestreift, die das (politisch-)liberale deutsche Judentum noch immer der deutschen Öffentlichkeit aufzustülpen versucht. Der bisherige entwürdigende Zustand, dem in dieser Presse unsere nationalen Angelegenheiten unterliegen, wird sich darum fortan auch deutschen Liberalen nicht mehr verdecken lassen. Zu deutlich strafen Gotheins neuerliche Bemerkungen beinahe alles Lügen, was dort über unsere Nurkonfessionalität und das Nichtvorhandensein einer selbstherrlichen jüdischen Kulturgemeinschaft geredet wird. Damit wird auch im liberalen Lager end lieh die ethische Krisis sichtbar, in die, in ihrer Masse zu wertvollerer Entscheidung unfähig, die deutsche Judenschaft seit Jahren gestellt ist, und die nur darum nicht in erwünschter Schärfe zum Austrag kam, w^iJ die als Judenpresse verschrienen Blätter ihr die Spalten verschlossen, oder sie hinter dem Gegeneinander der Schlagworte: Zionismus und Staatsbürgertum verbargen. Hier, im Verfolg Ihrer neuesten Kundgebung, liegen nicht geringe Aufgaben, Herr Gothein. Sie wissen, besser als die dem Liberalismus Abgekehrten, von der Frühzeit der Idee, der Ihre Partei heute wenig mehr als den Namen entlieh, einst aber Besseres, als Sie sich noch nicht von dem deutschen Bourgeois mosaischeu Glaubens entwerten ließ. Damals verpflichtete Liberalismus seine Bekenner, für die Rechte unterdrückter Völker weitherzig einzutreten. Niemand aber bedroht unsere, des jüdischen Volkes Aufrichtung so gewalttätig und mit den verwerflichen Mitteln des Niederschweigens, wie die Halbjuden in Ihren Reihen. Trotz ihnen und ihren Entstellungen haben Sie bereits einen entscheidenden Schritt ins