Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Scholem-Alejchem
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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196 F. Lachower: nichts Komisches zu finden, nur der Ernst einer innerlichen Wahrheit. Aber schon in dem Schwulst, mit dem der Überbringer der Nachricht sie vorträgt, spielt Scholem-Alejchems Humor. Und nun geschieht es, daß die Juden von Kasrilewke vor den Nichtjuden ihrer Stadt Angst zu haben beginnen; und da in der Stadt nur sehr wenige Nichtjuden wohnen, so haben sie eben vor diesen Angst: vor Chwedor, dem „Sabbat-Goj", der am Ruhetag für alle Juden die notwendige profane Arbeit verrichtet, und der blatternarbigen Dienstfrau Hapke. Sie schauen ihnen in die Augen und werden immer bedenklicher, bis das doppeldeutige Wort eines wirklich judenfeindlichen russischen Beamten den Pogrom ihnen als unmittelbar bevorstehend erscheinen läßt und die ganze Judenstadt mit Hab und Gut sich auf den Weg nach dem nahen Koschojewke macht. Unterwegs begegnen sie den Juden Koschojewkes, die aus der gleichen Ursache nach Kasrilewke auswandern. Und nun merken sie auf beiden Seiten: es gibt keinen Grund davonzulaufen, es gibt auch kein Ziel. Alle kehren stumm und beschämt nach Hause zurück. Und Scholem-Alejchem lächelt. Wehmut? Die Wehmut ist hinter dem Lächeln, nicht in ihm; es ist ein echtes, unverstelltes, unentstelltes Lächeln. Nur zwei Gegenstände sind bei Scholem-Alejchem nie lächerlich: die Jugend und die Festtage. Wenn er von diesen oder von jenen zu erzählen beginnt, wird der Spottlustige gefühlvoll und rührend; gefühlvoll-ergötzt, rührend-froh. Seine Geschichten von den Kinder jähren und von den „guten Tagen" sind voller Humor, aber ohne Komik; denn es lebt eine Gläubigkeit in ihnen, die sich mit dem Humor verträgt, aber keine Komik aufkommen läßt. Ist sie nur selten so wie hier gesammelt und wirksam, nie verläßt sie den Dichter ganz, diese Gläubigkeit, dieser naive, kindliche Glaube an die Weltgüte. Und etwas davon haben alle seine Gestalten, Alle sind sie wie Motel der Kantorssohn: Menschen, die nie verzweifeln. In drastischer Weise deutlich wird das an Menachem-Mendel, der Hauptfigur in Scholem-Alejchems Erzählungen. Menachem-Mendel erleidet jeden Augenblick einen Schiffbruch und geht nie unter; er läßt sich von einer Planke tragen und schaut nach der Sonne aus. Er baut unablässig Kartenschlösser, die im Nu zusammenstürzen; er selber aber bleibt munter und unentwegt. Ob ihn seine Hoffnungen auch immer wieder täuschen, er wird nie enttäuscht; er wartet immer wieder von neuem auf die Erfüllung. Seine erträumten „Millionen" („Millionen1* heißt das Werk, in dem davon erzählt wird) sind bares Geld, denn niemand kann sie ihm wegnehmen. Menachem- Mendel ist die karrikierte aber lebensvolle Verkörperung des grundlosen und unerschütterlichen jüdischen Optimismus. Der uralte Glauben an den Tag der Erlösung, der nahe, nahe ist, und dessen Kommen, ob er auch zögert, in jedem Augenblick erwartet wird, hat hier ein armseliges und lächerliches Goluskleid angetan, aber die scheckigen Lumpen können die hohe Gestalt nicht entstellen. Es sind Handelsgeschäfte, luftige Handelsgeschäfte, die Menachem-Mendel treibt, aber auch in ihnen noch siegt der hoffende und glaubende Geist über die Wirklichkeit. Ja, er erwartet nicht mehr die „Erlösung", sondern den Erfolg, aber es ist nicht der Erfolg als Genuß, sondern der Erfolg als Idee, als Traum, als — Erlösung; ja, er ist ein jämmerlicher Phantast, aber in all seinen Phantasien lebt als Kern und Halt das alte unschwächbare Gottvertrauen, der Glauben an die Weltgüte. Dem Sancho Pansa dieses wahrhaft jüdischen Don Quijote hat Scholem-Aleichem die Gestalt einer Frau gegeben; es ist Schejne-Schejndel, Menachem-Mendels Gattin.