Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Scholem-Alejchem
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 197 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schülern-Ate jchem 197 Ihr Realismus ist der rechte hebende Kontrast zu seiner Phantastik. Sie ist ebenso nüchtern-irdisch und unerbittlich praktisch, wie er himmeiguckerisch und wahnselig ist. Sie ist sanchopansischer als Sancho Pansa selber; denn sie wird ihren Don Quijote nie auf seinen Fahrten begleiten, ob er ihr auch schwört, sie als Königin äll seiner geträumten Länder zu krönen, Sie rührt sich nicht von ihrem Kasrilewke und schreibt unaufhörlich Briefe an Menachem-Mendel, er solle seine schönen Luftschlösser in der Luft lassen und heimkehren; „Pasteten im Traum/' sagt sie mit Unbarmherziger Klarheit, „sind keine Pasteten." Ein echter und tiefer Zug Scholem-Aleichems äußert sich darin, daß er seinen, den jüdischen Sancho Pansa zu einer Frau macht. Ist die Frau überhaupt stärker als der Mann an Leben und Erde gebunden, so ist es ganz besonders die Jüdische, die von dem geistigen Schrifttum nur wenig berührt worden ist und im Ghetto stets als die Trägerin — nur zu oft als die Lastträgerin — des Wochenlebens gegolten hat, Menachem-Mendel und Schejne-Schejndel stellen, karrikiert, aber unverkennbar, die beiden Gegenpole der jüdischen Seele dar. Das reine Vertrauen und den spitzfindigen Fragesinn, den Glauben und die Reflexion, die fessellose Zukunftsschwärmerei und den erbitterten Kampf um den Tageserwerb, die Hingabe an das Fernste und die Gier nach dem Nahen. Beide zusammen bilden ein Ganzes, das Jude heißt. Wenn in diesen extremen Typen die Idee es ist, die sich in der reinen Form des Humors auszuprägen sucht, so überwiegt in „Towja dem Milchigen" (Tobias dem Milchhändler) die Wirklichkeit. Er ist eine künstlerisch große Darstellung des jüdischen Durchschnittsmenschen. Er ist weit weniger Geist als Menachem-Mendel, aber der Geist lebt auch in ihm. Er ist seßhafter, aber auch er wandert zuletzt aus (nach Palästina), wobei ihm freilich nach seinem alten Leben und seiner gewohnten Umgebung bange wird. Er ist nicht so verschwärmt und flugsüchtig wie Menachem- Mendel, er hat auch nicht dessen Größenwahn, aber auch er ist imstande, seine gesamten Ersparnisse auf einmal Menachem-Mendel zu übergeben, um den großen Treffer zu machen. Er hat nicht dessen gläubigen Optimismus, er kennt das Lachen unter Tränen und sein Witz ist sarkastisch, aber auch er ist ein Mensch der Hoffnung, die nie enttäuscht werden kann. Seine alten Leiden machen ihn zum Fatalisten, aber in der plötzlichen Überraschung des Guten wie des Bösen bricht der kindliche. Glaube wieder in ihm durch. Auch er, der so viel von Pein und Mißgeschick zu sagen hat, weiß nichts von Verzweiflung; und wenn ihm das Schwerste widerfahren ist, nimmt er sich „wieder zu der Arbeit, zum bißchen Milchware und zum Pferd und Wägelchen; wie heißt es doch: »jeder Mann zu seinem Werke und jeder Mensch zu seiner Arbeit4 In Towja ist manches von Menachem-Mendel und manches von Schejne-Schejndel vereint. Er ist der jüdische Durchschnittsmensch, der Idealist und Materialist zugleich ist, Gläubiger und Ungläubiger, Schwärmer und Praktiker, ewiger Wanderer und festgenagelt an seinem Ort* — Und über all dem das Lachen Scholem-Aleichems, das feine und herzhafte, das überlegene und mitlebende Lachen, ach, das einzige große Lachen des Ghettos* Es ist verhallt. Warschau F. Lachower