Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Scholem-Alejchem
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 195 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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F. Lachower: Scholem-Alejchem SCHOLEM-ALEJCHEM Scholem-Alejchem ist tot. Das einzige freie, volle, unbefangene Lachen, das einzige Lachen um des Lachens willen im Ghetto (das Mendeles ist schwer und bitter) ist verhallt Scholem-Alejchem war vielleicht der einzige jüdische Dichter, dem der Geist der Schwere nichts anhaben konnte, denn er hatte die Gabe, alles Schwere leicht zu machen. Das schwerste Leben der Welt, das jüdische Wanderleben, wird in seiner Hand zu einer Reihe von Überraschungen und Abenteuern* Einer seiner Helden, der Knabe Motei der Kantorssohn, geht bald nach dem Tode seines Vaters in den Fluß baden und vergnügt sich damit, kleine Fische und Frösche in seinem Hemd aufzufangen. Sein älterer Bruder sieht es und versetzt ihm eine Ohrfeige. Aber die Nachbarin kommt dem Kleinen zu Hilfe; sie schreit; „Was, eine Waise schlagen!". Der Bruder läßt erschreckt ab; Motel aber ist froh: „Ich habe es gut," sagt er, „ich bin eine Waise." So macht es Schülern-Alejehem. Motel wandert von Hand zu Hand, von einem Gewerbe zum anderen, er wandert mit Mutter und Bruder im Elend von Ort zu Ort, von Land zu Land; er aber verzweifelt nie. Warum auch? Er gewinnt jedem Leiden einen Genuß ab. Was gilt es ihm, daß er Tag um Tag seine Arbeit hinwerfen und den Lebensweg von neuem beginnen muß? Es macht ihn nur ungebundener, und das Neue, alles Neue ist ihm sonderbar und ergötzlich. Warum darüber unglücklich sein, daß man auswandern muß? Die Welt ist so groß und breit, und groß, breit und überallhin verstreut ist das jüdische Volk; überall trifft man auf Juden, die raten und helfen. Und so reist Motel ganz vergnügt inmitten einer Judenschar aus seinem Städtchen nach Brody, passiert die russische Grenze ohne Paß, reist weiter von Brody nach Lemberg, von Lemberg nach Wien, von Wien nach Antwerpen, von Antwerpen nach London, von London — der gute Gott weiß wohin, erlebt allerlei Unerwartetes und Belustigendes — ja, es ist eine Lustreise. Dieses Werk hat etwas Autobiographisches, so sehr schildert Scholem-Alejchem darin Züge seines eigenen Wesens. Eine unermüdliche Freuds am Wandel und am Wandern ist ihm eigen- Schon die Helden seiner ersten Romane, der Spieimann Stempenju und der Sänger jossele Solowej (Jossele Nachtigall), sind rechte Wandervögel. Beide gehören zu jener jüdischen Künstler-Bcheme, die von Zeit zu Zeit das vergreiste, erstarrte Leben des östlichen Ghettos bezauberte und verjüngte* Beide sind noch pathetische Typen, aber sie sind die Vorgänger einer langen Reihe humoristischer Figuren, lauter Wanderer und Abenteurer, wanderlustig und die eignen Abenteurer belachend, des ewigen Wechsels froh und setner doch auch mit heiterm Spott gedenkend. Das Lachen Scholem-Alejchems ist so tief und so umfassend, daß auch das Furchtbarste, daß der Pogrom selber sich ihm nicht entziehen kann. Scholem- Alejchem erzählt uns davon eine wunderliche Geschichte. Sie spielt sich, wie so viele seiner Geschichten, in dem Städtchen „Kasrilewke" ab, zur Zeit des Kischir>ev/er Pogroms. Die Nachricht davon ist nach Kasrilewke gelangt und hat in der Judenschaft Entsetzen und Trauer erregt. Das Städtchen liegt zwar nicht sehr nah von Kischinew, aber auch nicht sehr weit, und die Juden aller Lande sind ja Brüder, und ein jeder fühlt eines jeden Not als seine eigne. Darin ist gewiß