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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 191

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-06-01
Page
191 (sequence 10)
Language
German
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Jüdische Volkslieder 191 Was hört man auf jener Welt, guter Bruder? O, schlecht, Bruder, schlecht! Man schmeißt und man schlägt; Kommt der Engel Michael und gibt einen Schlag auf die Stirn. Für welche Sünde ist das, guter Bruder? Für welche Sünde ist das, guter Bruder? „Weil wir vor dir gesündigt haben mit frecher Stirn'*, „Und um alles, Vater der Vergebung, Vergib uns, verzeihe uns und entsühne uns!" Hartherzig-realistisch ist die Weise dieser Lieder, wie wir an vielen Beispielen gesehen haben, wie eine Gotik ohne Ordnung muten sie uns an. Muß man erst auf die furchtbare letzte Zeile des Fragments Nr. 29 hinweisen? Das ist der jüdische zuschauende, schauende Geist, der mitten in den Erdendingen über ihnen steht; und dies ist es, was ihm das Merkmal des Sezierers und Kritikers eingetragen hat. Wenn die Übertragung des Wirklichen aber, wie in diesem Fall, zugleich so unmittelbar und ergreifend ist, so ist dieser Geist auch der des Dichters., Und wie lebenshungrig und dennoch gotteshungrig ist dieser selbe Geist! Nach Hause, nach Hause muß man gehen. Zwar jammert und weint der Mensch, wenn er die Welt verlassen soll, aber er fühlt zugleich: es ist ein „Nach-Hause-Gehn". „Wohin gehen wir? — Immer nach Hause," sagt Novalis. — Das zweite Stück, Nr. 30, ist die Illustration eines Teiles des Sündenbekenntnisses am Versöhnungstage. Diesen Teil bilden die beiden letzten hebräischen Zeilen jeder Strophe. Offenbar ist auch dieses Lied nur ein Fragment. Pryluzki weist in seiner Einleitung darauf hin, daß die frommen Juden das Bedürfnis fühlten, die Gebetstücke auf weltliche, dichterische Weise zu erweitern. In diesem Liede liegt, ein solches Musterstück vor. Gottesgesang der Vögel. Bin ich mir gigangen in tiefen Wa!d, In tiefen Wald, - Hob ich gihert a Veigele in Wald, A Veigeie in Wald, Dos Veigele hot gesingen: Ro, ro, ro, Ro, ro, ro: Adir ojaum w'nauro! Übertragung: Bin ich gegangen im tiefen Wald, Im tiefen Wald, — Hab ich gehört ein Vöglein im Wald, Das Vöglein hat gesungen: Ro, ro, ro, Ro, ro, ro: „Adir ojaum w'nauro" (Mächtig, furchtbar und erhaben!) Bin ich mir gigangen in tiefen Wald, In tiefen Wald, — Hob ich gihert a Veigele in Wald, A Veigele in Wald, Dos Veigele hot gesingen: Li, Ii, Ii, — U, Ii, Ii; G'daur pirzas hecholi! Bin ich gegangen im tiefen Wald, Im tiefen Wald, — Hab ich gehört ein Vöglein im Wald, Ein Vöglein im Wald. Das Vöglein hat gesungen: Li, Ii, Ii — Li, Ii, Ii. „G'daur pirzas hecholi"! (Umzäune den Riß meines Tempels!)

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