Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 189

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-06-01
Page
189 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103840--0282-3103919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Volkslieder 189 Wenn der Mensch wird geboren, Wird er geboren mit einem Maul. Und kommt er in die mittleren Jahre, Denkt er: Es sei mit ihm ein Greul. (Es sei mit ihm das Ungeheuerlichste los.) Kommt er aber ins Alter, Kugelt er sich wie ein Knäul. Dann wird berichtet, daS er geboren wird mit Lippen, und da er Hochzeit hält, nimmt er ein Weib Zipen, (Zipe: Ziporah), kommt er aber ins Alter, dann, „tut man von ihm lachen und hipen" (hipen: pfeifen. Hängt offenbar mit dem deutschen Wort „Hupe" zusammen). Am anschaulichsten aber, am tief-einfältigsten ist die Folgende Strophe: Wenn der Mensch wird geboren, Wird er geboren mit einer Morde (russisch: Kinn) Und kommt er in die mittleren Jahre, Wird bei ihm in der Stube eingeordnet. Kommt er aber ins Alter, Geht er verküret und gehorbet (gebuckelt). Wie sieht man da so wundervoll die Eitelkeit des Lebens, des mittleren Lebens! In der Stube wird eingeordnet, — als gelte es, die Ewigkeit darin zu wohnen. Ein anderes Mal heißt es: Und kommt er hinein in die mittleren Jahre, „will er al!'« V besser in Stüh derstarzen" (will er alles besser in der Stube bekämpfen, beherrschen; das Wort hängt wahrscheinlich mit „stürzen" zusammen. Hier hört man tatsächlich etwas wie schönes Jiddisch, wie starkes, altes Dürersches Wirklichkeits-Dtrutsch\. Und in neuer Sichtbarkeit wird endlich geschildert: Wenn der Mensch wird geboren, Wird er geboren mit Hand*. Und kommt er hinein in die mittleren Jahre, Wird er mit allemen bekennt (mit jedermann bekannt). Kommt er aber ins Alter, Weiß er schon, es wird von ihm ein End. Was nützt es ihm, daß er mit allen sich befreundet, daß er Geld anhäuft, daß *r alles „arainchappen" (einheimsen) möchte, wie es in einer anderen Strophe heißt, daß er glaubt, „es ist nicht da zu ihm noch Einer" (daß niemand ihm gleichkommt). Was nützt es dem armen „Kannitverstan", daß er alles besitzt, er wird doch ein« gekürzt und gebuckelt gehen, er wird sich kugeln wie ein KnauJ und wird .,aut sich kein Muck (Stückchen, vielleicht von Mücke — „Kleiner Muck" im deutschen Märchen) Schmalz" haben, — er wird wissen; es wird werden mit ihm ein End. Ohne jede Belehrung ist das gesagt, aber, wie schon betont, eben deswegen so großartig, daß man die Worte Kohelets, des großen Urjuden, raunen hört: Das Ende der Sache: höre vor allem: Gott fürchte und seine Gebote achte. Denn dies ist (ter g*nze Mensch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.