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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 187

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Jüdische Volkslieder
Date
1916-06-01
Page
187 (sequence 6)
Language
German
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J üd ische Volkslieder 187 Die Erzählung von den Wesenheiten. Lomir onheiben zu derzeilen Die Maile vun unsere Jiden. Die erste Maile is: Eim ani Cheimo. Die zweite Möile is: Boro ka-Chamo. Ai, chotsch, chotsch, chotsch Getto w*ssuro, Fort, fort, fort Domsso rSsomor. Ober a Maile, wieder a Maile: Hanjgo olecho w'nechschewes k'-Zein Tiwchö. Chotsch, chotsch mir sainen doch Sruo beih Mäch'isseho, Doch, doch sainen mir doch Chawuko udwuko boch. Ober ä Maile, wiedei* a Maile usw. Äi, chotsch, chotsch, chotsch usw. Fort, fort usw. Vun wenien stammen sei? Vun Khüos Jakow! Wie chasmenen sei? Rschümim Bischmecho! Wos schraien sei? Schaiagim heischano! (Übertragung:) Laßt uns anfangen, zu erzählen Von den Wesenheiten unserer Juden: Die erste Wesenheit ist: „Ein Volk wie Mauerstein". Die zweite Wesenheit ist: „Lauter wie Sonnenschein". Obgleich, obgleich, obgleich: „In der Fremde verblichen", So doch, so doch, so doch: „Mit der Palme verglichen". Aber Wesenheit,, wieder Wesenheit: „Erschlagen um deinetwillen Und wie eifl geschlachtetes Lämmchen verschmäht. Und sind wir auch und auch: „In den Boden der Zwietracht gesär", So sind wir doch und doch: „An dich gefesselt und geheftet". Aber Wesenheit, wieder Wesenheit usv;. Obgleich, obgleich, obgleich usw. So doch, so doch, so doch usw. Woher stammen sie? Von Jakobs Samen. Wie siegeln sie? Mit deinem Namen. Was rufen sie? Sie rufen: „Hilf doch!" Ginsburg und Marek Nr. 25. Ein wildes, überwildes, tiefernstes Stück. Die hebräischen Sätze, die die Wesenheiten darstellen, sind Zitate aus der Bibel und aus Gebete stücken. Wie die Welt widerspruchsvoll ist, wie die Welt aus Herrlichkeit und Niedrigkeit sich zusammensetzt» so das heilige Gottesvolk. Hier sehen wir in die zerklüftete Seele hinein, die das Christentum gezeugt hat, und die uns zeigt, wie das Judentum, zunächst durch ein Medium, eben durch das Christentum, geeignet war, der -barbarischen nordischen Welt den Gottesgedanken aufzuprägen, die Edda-Wildheit, die Ossian-Wildheit durch eine andere, neue, ungeheuerliche Wildheit wie durch ein Gegengift zu zähmen und zu mildern. Freilich sind es Horden, die so laut ihren Beruf und ihren Fluch hinausschreien, aber es sind Gotteshorden. Keine Derwische, die sich zerfleischen, keine Asketen, die ihr Ich ausrotten wollen, — sondern leidenschaftliche Priester, die noch, während sie erdrosselt werden, ihr Hosiannah in die Lüfte rufen. Denn sie sind es, die mit dem ebenso milden wie gewaltigen Gottesnamen zeichnen. — Das ist die Erzählung von den Wesenheiten des Volkes, welches Gott anhaftet, welches ihm in Raserei und Liebe bis in den dunkeln Himmel hinein zujubelt. *r

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