Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 181 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum Problem der jüdischen Erzienung 181 Idee, erhält diese Nationalerziehung die Aufgabe, eine Auslese von freiwillig für immer dem Judentum Verpflichteten zu stellen. Diese an sich sekundäre Aufgabe der westjüdischen Erziehung wird durch die gesamtjüdischen Pflichten und Forderungen zu einer überaus wichtigen. DeshalB ergibt sich die Notwendigkeit, die Zahl jener freiwillig Verpflichteten so weit zu vergrößern, als die unerläßliche Tiefe der Bindung gestattet. Oben wurde angedeutet, wie es die wirtschaftlichen Bedingungen und Tendenzen sind, welche die Jugend von der ihr gemäßen Entscheidung ablenken und sie verwirren. Diese selben wirtschaftlichen Kräfte sind es auch, die den erwachsenden Juden aus der jüdischen Gemeinschaft fort zur deutschen drängen, und um so widerstandsloser, als gerade an der Wende der Jugend, zu Beginn der zwanziger Jahre, die Idee an Macht zu verlieren pflegt gegenüber den „realen Forderungen*1. Die nationale Erziehung hat die Pflicht — und auch die Möglichkeit — die jüdische Jugend aus der deutschen Wirtschaft zu losen, sie in gewissem Sinne loszukaufen und in die jüdische einzukaufen. Nach zwei Richtungen gilt dies. Die Berufswahl der jüdischen Jugend muß durch das Erziehungswesen großzügig geleitet und in jüdischer Richtung gefördert werden. Wenn man jene Entschiedenen in jüdischen Berufszweigen in ihrem Geburtsland (unter anderem auch als Fachleute, Organisatoren, Führer, Verwalter usw. im Nationalerziehungswesen) zu erhalten vermag; wenn man eine Auslese anderer in Achusen, Siedlungsgenossenschaften oder als Arbeiter, Handwerker, Lehrer, Techniker, Ärzte, Beamte, Künstler und Forscher in Palästina anzusiedeln vermag, dann ist ihnen gegeben, sich selbst und dem Judentum treu zu bleiben. Überdies gälte es, jüdischen Waisen, Proletariern, Fürsorgepfleglingen unentgeltliches Leben in eigenen Jugendgemeinschaften (oder verteilt in die verschiedenen anderen) und wirtschaftliche Sicherheit in der Zukunft zu garantieren. Diese all« sind vom Druck und der Bestimmung der deutschen Wirtschaftstendenzen befreit, wenn sie ihren Veranlagungen und ihrer Begabung gemäß beim Austritt aus ihrer Jugend gemeinschaft in jüdische Berufe übergeführt werden. Und das Erlebnis ihrer Tugend kann für sie bestimmend bleiben, auch wenn ihnen nicht die Größe des Propheten und Märtyrers gegeben war. Dies alles ist vornehmlich eine Frage der Geldmittel und des organisatorischen Geschicks. Daß für die Vorbildung zu Berufen im Rahmen des nationalen Erziehungswesens Raum sein wird, bedarf kaum der Erwähnung, weil es sicher ist, daß viele Jugendgemeinschaften aus sich heraus zur Arbeit als zum wahrhaftigen Dienst am Geiste gelangen werden, und weil es kaum eines Winks des Führers und Meisters bedürfen wird, um dies als allgemeine Lebensform der Jugend zu erweisen. Soweit unser Erziehungswesen die Funktion der Vorbereitung und Einführung in jüdische Berufe übernimmt, gerät es in Konflikt mit dem deutschen, das dieselbe Funktion nach anderer Richtung erfüllt. Diese Tatsache rückt die Frage nach den allgemeinen Beziehungen zwischen dem angedeuteten Erziehungsystem und der deutschen Schule in den Vordergrund, eine Schwierigkeit, die vielleicht manchem als die wundeste Stelle unserer und aller ähnlichen Erörterungen erschienen sein tnag. Am einfachsten und scheinbar am konsequentesten wäre die Forderung einer für alle jüdischen Kinder und Jugendliche verbindlichen jüdischen Schule. Abet dies wäre zugleich auch die unwirksamste, schwächlichste und schematischeste Konstruktion, die gegenüber der tiefen Problematik des Westjudentums flach und unzulänglich wäre. Unser Erziehungswesen muß aufgebaut sein auf dem Fundament