Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 182 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Arno Nadel: jugendlicher Begeisterung, jugendlicher Entscheidung, jugendlichen Willens. Deshalb müssen wir auf die jüdische Erziehung der Kinder verzichten, wenn sie nicht organisch und in wertvoller Tiefe aus dem Milieu der Familie erwächst. Hier ist keine Nationaler.Tiehung möglich. Die Gefahr ist nicht groß, daß solche Kinder in ihrer späteren Jugend unergriffen bleiben von der jüdischen Bewegung, vom jüdischen Nationalerziehungswesen, falls dieses wahrhaft jugendbestimmt ist. Aber selbst auf diese Gefahr hin, müssen wir verzichten, um nicht das Wesentliche zu gefährden. Für die Erziehung der Kinder bleibt die deutsche Schule das Gegebene; höchstens daß eine gewisse Anlehnung an das jüdische Nationalerziehungswesen versucht werden könnte, etwa durch Kinder- Wander- oder Spielgruppen unter Leitung älterer Jugendlicher; und daß der Religionsunterricht erweitert oder ersetzt würde durch jüdischen Anschauungs- und Geschichtsunterricht, Die deutsche höhere Schule hingegen ergibt sich weder aus dem Wesen der Jugend noch aus der Idee der jüdischen Kultur. Aber solange die jüdische Wirtschaft, in Deutschland so gut wie in Palästina, nicht einmal die zum Judentum Entschiedenen, geschweige gar die ganze jüdische Jugend als Erwachsene aufzunehmen imstande ist, so lange muß das jüdische Erziehungswesen neben und außerhalb der deutschen Schule stehen. Dieses notwendige Kompromiß bleibt störend und schmerzlich, trotzdem keineswegs die Ausschließung der jüdischen Jugend von den europäischen Werten erwünscht ist, sondern gerade sie zu deren Assimilation berufen ist. Die deutsche Schule ist nicht die geeignete Stelle, an der Jugend und Werte einander durchdringen könnten. Dennoch bleibt kein anderer Weg zur Lösung dieses Konfliktes, als das „Loskaufen" der Jugend aus der deutschen Wirtschaft; und dies ist nur möglich zugleich mit der langsam vorschreitenden Fundierung der jüdischen Wirtschaft in Palästina. Durch drei feste Punkte ist der allgemeine Grundriß und die Besonderheit des jüdischen Nationalerziehungswesens in Deutschland und Westösterreich bestimmt: durch das Wesen der Jugend, durch die Idee der jüdischen Kultur und durch die reale Gegebenheit der gegenwärtigen Struktur der Judenschaft. Die Aufgabe ist, alle drei in einer schöpferischen Synthese zu vereinen. Nicht weniger und nichts anderes. Wien Siegfried Bernfeld JÜDISCHE VOLKSLIEDER Religiöse Lieder 2. Warum sollen wir sorgen! Far wos sollen mir sorgen, Wos wet sain mit uns morgen? Lomir besser varrechten, Wos mir hoben gesindigt nechten! Nischt sorgen un nischt thun a Krechz, Nor Gott dienen, welen mix nischt wissen vun Schlechte!