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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 180

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Zum Problem der jüdischen Erziehung
Date
1916-06-01
Page
180 (sequence 12)
Language
German
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180 Siegfried BernfeJd: sie müssen sich im gemeinsamen Willen und im gemeinsamen Arbeiten für Palästina finden. Dem Nationalerziehungswesen fällt die Aufgabe zu, dies vorzubereiten* Darum wird seine Leitung in Deutschland Tagungen organisieren müssen, an denen sich die jüdische Jugend aller Länder zu Beratung und freundschaftlichem Zusammensein findet. Sie wird Reisen und Wanderungen von ganzen Jugendgemeinschaften oder deren Vertretern nach Osten, nach Nordamerika und Palästina unterstützen. Ein Netz von Heimen und Herbergen, Verträge mit Schiffahrts- und Eisenbahngesellschaften, die Ausrüstung von Radfahrerabteitungen, Zeltwanderern und Bootwanderern kann diesen Zweck erreichen. Am intensivsten aber und vor allem der Austausch von Einzelnen und ganzen Gruppen für Monate und selbst ein und zwei Jahre. Die jüdische Nation stellt an ihr Erziehungswesen die Forderung, daß es ihre ganze Jugend erfasse und sie für ihr Dasein auch nach entwachsener Jugendzeit bestimme und verpflichte. Was bisher als Nationalerziehung gezeichnet wurde, erfüllt diese Forderung nicht. Sie erfaßt von der jüdischen Jugend in Deutschland nur jene, die sich freiwillig für jüdischen Geist und jüdische Zukunft entschieden haben. Es gibt keinen Weg, Zwang auszuüben, und gäbe es einen, so schiene er bei tieferer Betrachtung als der verderblichste. Unsere Frage kann nur sein, ob es gelingen möchte, die Zahl der Freiwilligen zu vermehren, ob es nicht möglich wäre, die ganze jüdische Jugend zur freiwilligen Bejahung zu begeistern und hinzureißen. Dieser Verzicht auf Sicherheit, diese Notwendigkeit, die wichtigste nationale Frage ganz in die Hand der Jugend zu legen, ist das Kernproblem westjüdischer Erziehung. Und es kann nicht gelöst werden. Nur in Palästina ist die Hoffnung realisierbar, daß die naturgegebene Entscheidung von der ganzen Jugend auch getroffen werden muß; darum bleibt jedes jüdische Erziehungswesen außerhalb Palästinas unvollkommen und in Deutschland und Westösterreich am unvollkommensten. Aber um so dringender ist unsere Pflicht zu äußerster organisatorischer Leistung, soll dies notwendig Unvollkommene nicht auch noch unnützerweise ein Verzerrtes, Gewaltsames und Verderbliches werden. Noch eins entspringt denselben Ursachen und Bedingungen; zwar ist kein Zweifel, daß viele, die solchem Erziehungswesen entwuchsen, auch ihr künftiges Leben ans Judentum im Westen, im Osten oder in Palästina binden werden, aber wir haben kein Mittel, es bei allen zu erzwingen. Viele werden die Jugendgemeinschaft verlassen mit dem gleichen wehmütigen, aber innerlichst entschlossenen Gefühl, wie einer von der ersten träumerischen Jugendiiebe scheidet. Es ist unerläßlich, diese Begrenzung des Erziehungswesens scharf zu erkennen und festzuhalten: die jüdische Nationalerziehung in Deutschland hat nicht in erster Linie die Aufgabe, aus der jüdischen Jugend in ihrer Totalität eine jüdische Erwachsenheit zu bilden, sondern sie hat die Aufgabe, der jüdischen Jugend ein ihr gemäßes jugendliches Leben zu gestalten und so der jüdischen Kultur in Westeuropa sozusagen eine mächtige Liegenschaft zu erwerben. Da jenes jugendliche Leben notwendigerweise ein jüdisches ist, erzeugt sich so eine Institution, die dauernd bleibt, obgleich ihre Glieder von sieben zu sieben Jahren etwa sich verändern. Solches Erziehungswesen wird nicht erhalten von den ihm Entwachsenen, sondern von den dauernden, sich in jeder neuen Jugendgeneration neu erzeugenden Bedürfnissen der Jugend und von den dauernden Werten jüdischer Kultur, die immer aufs neue nach Realisierung drängen. Erst in zweiter Linie, mehr durch den Effekt, als durch die

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