Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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i78 Siegfried Bernfeld: Denn kraft seiner Geburt allein gehört über kurz oder länger niemand mehr zum Judentum, sondern nur, wer sich ihm frei zubekennt, wer ihm gemäß gesinnt und wirkend ist. Das Judentum in Deutschland ist nicht einer Nation, sondern einer religiösen Bewegung zu vergleichen, denn ihm kommt lediglich die Tiefe der verpflichtenden Bindung, der religio, in Betracht, und nichts außer diesem. Darum kann sein Erziehungswesen keinen anderen Umfang haben, als die von ihm innerlich erfaßte Jugend. Jede Zuzählung nach anderen Kriterien, jeder Zwang, führte Zers^tzungsgifte ein. Zweitens kann eingewendet werden, wir dürften keine Experimente machen. Das bewährte Erztehungswesen Deutschlands und Europas überhaupt zeige uns die Formen und Methoden, nach denen allein wir uns richten müssen; denn wenn wir unsere Jugend gefährden, gefährden wir zugleich die jüdische Zukunft. Und das darf nicht sein. Aber es wurde schon oben auf die verderbliche Wirkung solcher Einstellung hingewiesen. Über Berechtigung und Bewährung der deutschen Schulen ist hier nicht zu sprechen, doch müssen die Zwecke ganz klar ins Licht gestellt werden, die diesem Erziehungs* wesen gestellt sind, und die Grundlagen, aus denen es erwachsen ist. Aus einem Wirtschaftsgefüge, das selbstsicher und geschlossen ist, hervorgegangen, hat die deutsche Schule die Aufgabe, dieser Wirtschaft zu dienen, sie zu erhalten und zu vollkommenerer Leistung zu bringen. Eine freie und selbstverantwortliche Jugend wäre ihre größte Gefahr, denn es könnte sein, es ist sogar gewiß, daß sie im Willen, es zu stürzen, zu verändern, zu revolutionieren, heranreifen würde. Die freie Wahl des Führers kann nicht gestattet werden, weil die Jugend den unabhängig Denkenden, den geistigen Neuerern folgen würde. Junge Gefolgschaft für geistige Neuerungen aufzurufen, heißt jeder bereits gefügten Gesellschaft: die Jugend verführen, und sie straft diese sokratische Methode mit der bekannten athenischen Methode. Die deutsche GeseJlschaft kann es ebensowenig wis irgend eine andere gegenwärtig in Europa herrschende ertragen, daß in jeder neuen Generation die Grundfrage ihres Seins von hunderttausend leidenschaftlichen geistigen Menschen gestellt wird. Sie kann die Jugendgemeinschaft nicht dulden, denn diese stört überdies die überkommene Form der Familie, die ihre geheiligte Grundfeste ist. So macht sie aus ihrem Erziehungswesen einen gewaltigen Apparat der Entwertung und Verkümmerung der Jugend. Die Gesellschaft ordnet sich die Jugend statisch ein, denn diese ist der geborene Feind ihres Soseins, ihr einziges Ziel aber ist das Bemühen, sich selbst zu erhalten, so zu bleiben. Wir Juden in Deutschland sind im großen und im kleinsten in der genau entgegengesetzten Lage. Wer hier eine Erneuerung, wer hier nationales Judentum will, der will zugleich die gegenwärtige soziale und geistige Struktur der Judenschaft in Deutschland in ihr völliges Gegenteil kehren, und wer ein Nationalcrziehungswesen denkt, der fordert, daß die Jugend diese Verwandlung erwirke. Wir müssen die Jugend dynamisch in die jüdische Gesellschaft eingliedern, denn bei uns muß ihre Aufgabe sein: ein Zukünftiges bewirken, nicht ein Gegenwärtiges erhalten. Darum hieße bei uns experimentieren, wenn wir die deutschen Mittel zum entgegengesetzten Zweck verwenden wollten, versuchend, ob sie durch irgend ein Wunder (oder wie sonst etwa?) auf jüdische Jugend angewandt den kontradiktorischen Erfolg et zeugen würden. Das Niederzwingen der Jugend kann nur durch Zwang geschehen; aber reif zu freier Entscheidung kann sie nur durch Freiheit werden; wirkungslos kann sie nur werden durch „Disziplin", Zucht, durch erstickte Kraft und gebrochenen Willen; aber zukunftswollend nur durch entfaltete Kraft und betätigten Willen. Einem