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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 177

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Zum Problem der jüdischen Erziehung
Date
1916-06-01
Page
177 (sequence 9)
Language
German
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Zum Problem der jüdischen Erziehung 177 sehen Jugend, die aus jenen Hemmungen entspringen, Raum geben. Und wenn wir oben als erstes Bestimmungsstück des Begriffs einer solchen Erziehung sagten: Die Jugend ist ihr Träger, so können wir das an dieser Stelle konkreter formulieren. Die Organisationsform der jüdischen Nationalerziehung in Deutschland und Westösterreich sind freie, selbstverantwortliche Jugendgemeinschaften, in denen die Jugend ihre eigenartigen körperlichen und geistigen Werte entfalten kann, von dem ihr natürlichen Willen geleitet, ein geistbestimmtes. Leben zu gestalten, nach frei gewählten Vorbildnern ihr eigenes Sein um- und durchzubilden, in hingebender Gefolgschaft im Sinne der schöpferischen Menschen im Judentum, dessen Zukunft zu wollen und vorzubereiten. Zweierlei Einwände sind vor allem zu erwarten und in ihrer Bedenklichkeit zu zerstören. Erstens: die psychologischen Anschauungen über die Eigenart der Jugend, die dem bisher Gesagten zugrunde liegen, träfen bestenfalls für einen vereinzelten Typus unter der Jugend zu, der gegenüber der überwiegenden Mehrheit völlig zurücktrete. Dem Opponenten werden mühelos ungezählte Erfahrungen erinnerlich werden: blasierte, selbtgenügsame Knaben, kokette Mädchen, eitle Gernegroße, Kartenspieler, Biertrinker, Turnboys, Lüstlinge und was dergleichen mehr ist. Und in die freie Entscheidung dieser törichten, unreifen „Kinder" oder Flegel solle die Zukunft des Judentums gestellt werden? Es ist zuzugeben: wir haben keineswegs empirisch die gegenwärtige Jugend beschrieben, wenn man darunter die Summa aller Menschen zwischen dem 15. und 22. Lebensjahr, etwa, versteht. Aber wir glauben auch nicht: ein Ideal nach unseren Wünschen als real gezeichnet zu haben. Vielmehr meinen wir, daß alles dies tatsächlich keimhaft in jedem Jugendlichen angelegt ist. Eine kurze Zeit, und wären es bloß wenige Monate, erlebt jeder am Ausgang seiner Kindheit eine solche Welle von Begeisterung und Leidenschaft für die großen und letzten Werte; ein Aufjubeln seines Körpers im Selbstgefühl von Kraft, Schönheit und Mut; ein Sehnen nach Führerschaft, Gemeinsamkeit, Gefolgschaft; ein Erschauern in Ehrfurcht vor einem Menschen, vor Werken, der Natur, Gott Wir vermögen mit psychologischer Analyse all das zu verstehen als notwendige Folge, Reaktion, Ablenkung der psychophysischen Revolution der Pubertät. Freilich nur ein gewisser Typus, darin haben die Einredner recht, erhält sich diese Seinsart und Gesinnung bis zur ausgereiften Erwachsenheit. Kann sein, daß auch die Abgefallenen notwendiger Typus sind; wer aber weiß, mit welch destruktiver Macht Wirtschaftsleben, Familie» Schule, das ganze geistfeindliche Gesicht unserer Zeit auf die an sich schwachen Impulse der ersten Jugendzeit wirken; wer gesehen hat, mit welch unerbittlicher Strenge Geist und jugendliche Art in einer reih gebauten Jugendgemeinschaft alles Feindliche, Gegengeistige, Gleichmacherische bekämpfen; wer miterleben konnte, welche tiefe Wirkung starke und sich selbst treue junge Menschen auf schwankende, verkümmerte und verbogene auszuüben vermögen; und wer die ungeahnte Elastizität kennt, mit der ein niedergedrückter Wille sich wieder aufzurichten vermag, wenn er in der Gemeinschaft Gleichwollender Hilfe findet; der wird die Überzeugung gewonnen haben, daß die oben vorgeschlagene Form des Erziehungswesens — wenn nicht Pädagogik überhaupt eine Verirrung, ein Phantom ist — imstande ist, den Typus Jugend zu verbreiten, der allein unsere Hoffnung werden könnte. Gewiß ist, ein Rest wird auch dann noch bleiben. Aber er wird außerhalb des jüdischen Nationalerziehungswesens bleiben, und damit außerhalb der jüdischen Jugend*

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