Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103839--0267-3103906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i?6 Siegfried Bernfeld: die Jugendgemeinschaft aus ihrer Sterilität, ihrer Abgeschlossenheit und Sinnlosigkeit erlösen, nur er kann ihr den Weg in die Zukunft weisen. Er muß aber vor allem ein schöpferischer Mensch sein. Er darf nicht wie die Jugend auch nur vor den Werten stehen und sie aufgenommen haben. Er muß Werte schaffen. Er allein gibt nicht eine zufällige oder unwesentliche Auswahl aus dem Kulturgut, sondern die Totalität seines Wertens. Und er muß eine geistige Zukunft wollen, stark und unbedingt* Dem ungewissen Zittern und Schwirren des jugendlichen Willens ist er der unbeirrbare Magnet, der nach dem Pol des Rechten zeigt, und indem er die Zukunft wollen lehrt, gibt er erst der Jugendgemeinschaft ihren wahren Sinn: sie wird zur geweihten Stelle, an der die Jugend und die ewigen Güter einander durchdringen, an der die Zukunft beschlossen und vorbereitet wird. In ihm schließt sich auch der Kreis jugendlicher Sehnsucht. Denn der Ero$ der Jugend, der tastend hinter jener ersten Forderung steht, findet seine reinste und jugendgemäßeste Gestaltung in der Ehrfurcht der Jünger vor dem Meister der Werte, vor ihrem Führer auf der rechten Bahn. So muß die Sehnsucht nach jüdischer Jugendgemeinschaft in das Verlangen nach jüdischen Führern und Meistern, nach jüdischer Kultur münden. Und in der jüdischen Jugend vielleicht stärker als in der deutschen, da sie quälender von der Frage nach Zweck und Sinn ihres Daseins und ihres Tuns ergriffen ist. Was aber für die deutsche Jugend durch das Hinzutreten des Führers sich eindeutig löst, enthält für die jüdische noch viele Möglichkeiten. Daß ihre Zukunft gegeben ist mit der des jüdischen Volkes, daß sie keinesfalls ohne sich selbst zu zerstören eine Zukunft wollen kann, in der die umfassendere Gemeinschaft aufgelöst ist in verschiedene Völkerschaften, ist selbstverständlich. Es bleibt ihr nur die Wahl zwischen den möglichen Weisen, Judentum zu bejahen. Nur Wenige einer starken und bewußten Jugend werden sich dem blassen und schwächlichen Gedanken des deutschen Staatsbürgertums mosaischer Konfessionslosigkeit zuneigen. Der Idee des Deutschjudentums werden gewiß manche gute Kräfte erwachsen. Freilich, daß auch sie schwächlich und innerlich welk ist, wird deutlich gefühlt werden. Schwerlich werden ihr ganz große Führer entstehen. Und außerdem liegen mancherlei Schwierigkeiten in ihrem Wesen, führt sie zu ungezählten Verwirrungen und Unklarheiten. Die Jugendgemeinschaft, deren eigenartige Abgeschlossenheit sich auf fließenden, zutiefst liegenden Eigenheiten aufbaut, braucht eine klare und scharfe Trennung von den umgebenden, dem oberflächlichen Fühlen so ähnlich scheinenden Gemeinschaften. Das wird aus sich heraus die jüdisch gerichtete Jugend zu einer radikalen Lösung ihrer Kulturfrage drängen. Sie wird Kenntnis erlangen von einer Jugend im Osten und im Orient, die ihr nächst verwandt, durch eine natürliche Sprach- und Kuiturgrenze von Nichtjuden getrennt, ihr Wesentliches, also auch das der ringenden Jugend in Deutschland Wesentliche, zu einer Vollkommenheit zu entfalten vermochte. Vielleicht wird sie nur dort die in sich ganz geschlossenen, hinreißenden Persönlichkeiten finden, denen sie als Führern folgen will. Und das wird sie in der entscheidenden Wahl bestimmen, sie wird fordern: Wir wollen den jüdischen Führern zu jüdischer Kultur Gefolgschaft leisten dürfen. Das etwa sind die bedeutsamsten Hemmungen, die in der Jugend selbst gegen ihr unterschiedsloses Aufgehen in der deutschen liegen. Deshalb hieße ein Nationalerziehungswesen in Deutschland schaffen, diesen wichtigsten Forderungen der jüdi-