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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 175

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Zum Problem der jüdischen Erziehung
Date
1916-06-01
Page
175 (sequence 7)
Language
German
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Zum Problem der jüdischen Erziehung 175 In ihr vermöchte sie ganz dem Unbedingten geweiht zu leben, indem sie es wirklich machte. Wahrhaftigkeit aller Ausdrücke und Beziehungen ist das erste Gesetz solcher Gemeinschaft, Und hier schon erlebt die jüdische Jugend schmerzlich das Pathologische ihrer ungegliederten Einfügung in die deutsche. Sie hat ständig etwas zu verheimlichen: ihre Vergangenheit, fernere oder nähere Verwandtschaft, geheime, kaum bewußte Neigungen und Ablehnungen. Ihre in der feineren Struktur verschiedene Vitalität und Mentalität bleibt unbewußt, unausgedrückt und ungestaltet. So bleibt ihr Dasein im tiefsten und feinsten unwahr, verwirrt und unerlöst. Manches freilich ist grob genug, so daß es alle und sie selbst bemerken müssen, etwa was man die Frühreife der Juden nennt und was zu mancherlei Konflikten und Schwierigkeiten führt. Aber eigentlich entscheidend sind hier gerade die Imponderabilia, die für das Gesellen von schwerstem Gewicht sind; die besondere Nuance des Stimmungserlebnisses, des Gleichgewichts im Bedürfen nach Natur, Sport Spiel, Reflexion, Reden, Schweigen. Und nicht zuletzt die völlig anders geartete Spannung zwischen den Geschlechtern. Noch vermögen wir nichts davon in klare Begriffe zu fassen* Wir haben noch nie gewagt, es nur zu bemerken (auch eine Aufgabe jüdischer Wissenschaft!) und manchem wird es kleinlich und belanglos scheinen, aber für die jüdische Jugend sind das Lebensfragen, Quellen unlösbarer Konflikte, Wurzeln ih'r«f Vereinsamung und seelischen Häßlichkeit Aus dieser Not heraus erwächst ihr eine triebhafte Sehnsucht nach jüdischer Jugendgemeinschat t Die Gemeinschaft der Gleichen ermöglicht der Jugend, ihr Bestes, ihr Eigenartigstes auszuwirken; sie allein gibt dieser Eigenart aber noch keinen Sinn. Warum soll Jugend nicht, wie man doch in Schule, Haus und Beruf von ihr fordert, die Besonderheit opfern, damit sie so bald wie möglich zum tüchtigen Bürger erwachse? Wozu die ungeheure Anspannung dieser sieben Jahre? Im Grunde ist die geistige Gemeinschaft für sich so sinnlos wie der einzelne Jugendliche; sinnlos auf einer höheren Stufe, solange sie keine Aufgabe in einem umfassenderen Kreis, in der nationalen Kultur und durch sie in der geistigen Menschheit hat. Der einzelne Jugendliche, der direkt in die Gesellschaft gestellt ist, hat in ihr notwendigerweise keine eigenartige Aufgabe, das ist keine geistige, denn sie ist durchaus von wirtschaftlichen, also ungeistigen Prinzipien bestimmt, und was man vom Jugendlichen fordert, ist, möglichst früh seine wirtschaftliche Passivität mit Produktivität zu vertauschen. Wo man ein länger dauerndes Studium verlangt oder gestattet, geschieht das nicht anders, als wh. man für Präzisionsmaschinen höhere Anschaffungskosten bewilligt. Was scheinbar ein* geistige Bestimmung enthält, die Anforderung der Schule, ist in Wahrheit keine kulturelle; sie dient nur zur Ausbildung qualifizierter Kräfte für gewisse Wirtschaftszweige, höchstens daß sie eine Auswahl aus dem Kulturgut der Nationen, die die gegenwärtige Ordnung zu erhalten geeignet scheint, der jungen Generation zwangsweise übermittelt. In der Jugendgemeinschaft erhält der einzelne junge Mensch in seinem eigenartigen Dasein und Wollen einen Sinn, denn ihm ist eine wichtige geistige Aufgabe in ihr gestellt, aber diese Gemeinschaft selbst ist ohne Funktion in der Gesellschaft. Sie bleibt ohne Zugang zur übrigen Welt. Zwar werden in ihr — ganz anders als in der Schule — letzte Werte aus ihrem latenten Sein über der Wirklichkeit zu realer Dynamik erweckt, jedoch nur eine Auswahl von ihnen, und zudem eine ungerichtete, zufällige; denn die Jugend schafft keine neuen Werte aus sich, sie realisiert nur geschaffene oder ewige, sie steht vor ihnen, nicht mitten darin. Nur ihr Führer kann

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