Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Siegfried Bernfeld: Kreise versprochen, daß er nach einigen Generationen verschwinden werde- Weniger von anatomischen Besonderheiten ist hier die Rede, als von mimischen, expressiven. Darunter leidet die Jugend überaus; besonders, weil gerade davon selten gesprochen wird; streift doch dies Thema erstens bedenklich ans Erotische, das nichts für Kinder ist, und erschüttert es zum zweiten aufs äußerste die Assimilationsideologie, das nichts für Gojim ist; aber dieses Verschleiern schlägt der Jugend eine Wunde in ihrem Eigentlichsten. Denn mit dem Beginn der Jugendzeit erwacht das frühkindliche Körpergefühl auf neuer, höherer Stufe in seinem ursprünglichsten Sinn ode.T abgelenkt ins Geistige und Sittliche. Ein elementarer Trieb der Jugend ist, kräftig, edel, schön zu werden an Körper, Tracht und Gebärde. Die jüdische aber lebt in einer Atmosphäre, die sie erstickt, notwendig verzerrt und häßlich macht; unruhig, überlaut schreiend, oder innerlich gehemmt und verdrückt. Die expressiven An- Standsregeln der Umwelt sind nicht die ihren; nicht nur die der verwandten Erwachsenen nicht — hier waltet der Gegensatz zwischen Jugend und Alter —, sondern auch nicht die der umlebenden Jugend, dann hier tyrannisieren die nationalen Gegensätzlichkeiten. Alles ist zentriert nach einem Ideal von Schönheit und Ausdruck, das nie ihr Ideal sein kann, weil sie niemals ihm näher kommen könnte; weil nicht in ihr selbst keimhaft angedeutet ist, was sie in seiner Vollkommenheit verehrte. Die Helden, Künstler, großen Männer können in ihr nicht wahrhaft plastisch, umbildend werden, denn es sind nicht ihre Heroen, denen sie „die Pfade zum Olympos sich nachbahnen" könnte. Ein begreiflicher Fehlschluß läßt auf diesem Boden ein verzehrendes Gefühl der Minderwertigkeit wuchern, oder man täuscht sich hinweg, an Tiefe und Gestaltungskraft gemindert. Wenn die jüdische Jugend sich ihrer Lage klar bewußt sein wird, dann wird sie wohl als erste Forderung postulieren: wir wollen schön und edel sein dürfen nach unserer Art; wir wollen Führer haben, denen wir folgen können ohne zu verzweifeln oder zu betrügen. In der Turner- und Wanderbewegung beginnt sich solches Wissen und Wollen zu regen. Es ist kein Zufall, daß gerade sie der Anfang der nationalen Jugendbewegung sind. In ihnen beginnt die verschüttetste Sehnsucht aufzuleben, die nach jüdischer Schönheit, Liebe und Verehrung. Zum Teil aus dieser gleichen Quelle fließt das Verlangen der Jugend überhaupt nach Gemeinschaft mit Gleichen, mit Jugend, Seine besonderen Inhalte und seine treibende Kraft bekommt dieses Begehren aber erst aus dem Willen der Jugend nach Umbildung und Gestaltung ihrer selbst, aller Beziehungen und Einrichtungen, der verankert ist in den natürlichen physischen und geistigen Umwandlungen dieses Alters. Das zentrale Erleben absoluten Werts ist das fundamentale Ereignis der Geburt der Jugend. Die Ideen des Großen, Wahren, Guten, Schönen beherrschen ihr Werten bedingungslos; sie ist nicht geneigt, Zwischenwerte anzuerkennen. Sie verachtet die Kompromisse und ist mit Leidenschaft allem Umfassenden hingegeben, der Menschheit, dem Volk, der Kunst, Philosophie und Religion, bis zur äußersten Ausschließlichkeit, bis zur letzten Aufopferung. Die Sehnsucht erwacht, auch das eigene Handeln, die nächste Umgebung nach den neuen Werten zu verwandeln. Hier gerät die Jugend in unlöslichen Konflikt mit der Realität der Gesellschaft und der Familie, die aus ungeistigen Bindungen geboren und gebaut, ihr kleinlich, verlogen, verwirrt und ungerecht erscheinen, die zu ändern ihr aber weder Mut noch Möglichkeit gegeben ist. So entsteht die Idee der jugendlichen Gemeinschaft als der geistbestimrnteq, restlos gestalteten, der Insel der Werte im Meer der Zwecksetzerei