Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Bernfeld: und edleren, aber nicht weniger deutschen Bünden zu. Wer aber geistig lebendig außerhalb der Jugendbünde steht, der findet seine Erzieher und Heroen im deutschen Schrifttum, das ihn umgibt als belebende Atmosphäre. Die Familie wirkt, je nachdem, ob sie äußere oder wesentliche Beziehungen zum Judentum hat, direkt oder auf einem merkwürdigen Umweg mit, die Jugend vom Zentrum jüdischer Erfaßtheit an die Peripherie zu treiben. Die Sorge um das zukünftige materielle Wohl der Kinder zwingt die Eltern, ihnen den Weg ins deutsche Volk oder besser in die deutsche Karriere zu eröffnen. Wenn aber die Eltern als Mittler zwischen die Quellen des jüdischen Geistes und die Kinder treten, so erscheint diesen in den entscheidenden Jahren nach einem ewigen seelischen Gesetz als überlebt und kleinlich, was jene allein repräsentieren, das Judentum» Im freigewählten Feuerschein der Goethe, Fichte und George verlöschen die Lichtchen der Menorah, die der Vater anbrennt, der Glauben, Unterordnung und kaum verstandene Formeln fordert. Das ist die allgemeine Richtung, in der die jüdische Jugend in Deutschland sich bewegt oder sich in der nächsten Generation bewegen wird. Was man die wirklich treibenden Mächte der Geschichte nennt, trägt sie und es ist abhängig davon, ob wir meinen, daß sie es auch wirklich sind, oder ob wir glauben, da3 sie vielmehr bestimmt, gerichtet, gehemmt und bewegt werden durch die freie Entscheidung des Geistes und des Willens. Wenn es so ist, dann muß die westjüdische Jugend dem Judentum nicht verloren sein, so wenig wie die kleine Gruppe, die jetzt schon innehält und einen neuen Weg sucht, den, der zurück zum Judentum führt. Kann in der ganzen Jugend dieser Wille erwachsen? Kann diese Besinnung sie ganz ergreifen? Kann sie ihre Leidenschaft und Liebe von den deutschen Ideen, Forderungen und Taten wegwenden und innig an die jüdischen binden; kann sie ihre deutschen Vorbildner, Heroen und Erzieher verlassen und den Führern des Judentums, lebenden und ewigen, Gefolgschaft leisten; kann sie ganz einwachsen in jüdische Sprache und kann sie jüdischer Geist so im tiefsten erschüttern, daß sie fortan in seinen Dienst gezwungen bleibt; kann sie dies alles aus freier geistigerEntscheidung gegen die „realen geschichtlichen" Mächte? Das ist die Wendefrage, die über Sein, Nichtsein und Sosein einer Nationalerziehung in Deutschland entscheidet. Die Tatsachen der jüdischen Jugendbewegung beweisen, daß sie es könnte; ob sie es aber wollen wird, liegt ganz bei ihr. Keine jüdische Gruppe hat die Macht, dies zu erzwingen, und selbst wenn etwa dem Unterrichtsministerium eigene Departements für Erziehung der jüdischen Jugend angegliedert würden, nützte es nichts; denn worauf es hier allein ankommt, die freie Entscheidung und die restlose Hingabe ist überhaupt auf keine Weise, durch keine wie immer geartete Einrichtung von oben her zu erreichen, sie kommt von unten oder garnicht. Wo es in der deutschen Jugend für die deutsche Kultur aufflammte, geschah es trotz des Erziehungswesens von oben und gegen es; dieses selbst erzeugt nur Schein und Halbheit. Das weiß man seit Fichte, Berthold Otto und Gustav Wyneken. Wir Juden in Deutschland sind aber in einer eigenartigen, unvergleichbaren Situation; was für das Deutschtum das Letzte, Äußerste und Höchste ist, wird uns zum Mindesten; was dort erwünscht ist, wird für uns die unausweichliche Grundbedingung. Sein Gipfel muß unser Anfang sein. So ergibt sich uns als erster Inhalt des Begriffs eines westjüdischen Erziehungswesens : sein Träger ist die Jugend. Das allein schon unterscheidet es von Grund auf von der Erziehung aller anderen Nationen und der der anderen Teile unseres Volkes, bei denen dies zwar sein kann und soll, während es bei uns unerläßlich sein muß. In