Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 171

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Zum Problem der jüdischen Erziehung
Date
1916-06-01
Page
171 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103839--0262-3103901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Problem der jüdischen Erziehung 171 Kulturen und Völker kämpfen und glühen soll, indes die eigene Nation zu verkümmern droht und in schwerem inneren Kampf keinen Atemzug, keinen Gedanken und kein Bewegen eines ihrer Menschen entbehren kann. An Zahl mag die westjüdische Jugend vergleichsweise klein, beinahe zu vernachlässigen sein, aber gerade sie, durch mancherlei Gunst der Umstände bevorzugt, ist seit langem wieder die erste jüdische jugend, die unter günstigen hygienischen Bedingungen, in erträglicher, gesicherter ökonomischer Lage, in Ruhe und Selbstbewußtsein sich entfalten konnte. Sie ist tiefer als die übrige von den wirklichen Werten der europäischen Gegenwart durchdrungen, die das Judentum sich zu assimilieren anschickt. Und nicht zum geringsten: erwachsen, wird sie den politisch mächtigsten, wirtschaftlich festest gefügten Teil der Judenheit bilden. Darum sind immer schon von Zeit zu Zeit Wunsch und Plan aufgetaucht, diese Jugend in das System der jüdischen Nationalerziehung einzubeziehen, in der letzten Zeit immer dringlicher, zusammenhängender und konkreter* Man hat an erweiterten und vertieften Religionsunterricht, an eigene jüdische Volks¬ und höhere Schulen, an jüdische Landerziehungsheime und Freie Schulgemeinden (nach dem Beispiel von Gustav Wynekens einzigartiger Schöpfung), selbst an eine deutsche jüdische Hochschule gedacht. Aus der Turnerschaft, festorganisiert und mit gewissen Machtmitteln ausgerüstet, aus mehr oder minder zwangsmäßiger Hebraisierung und Verjiddischung der Jugend hofft man wenigstens die ersten Keime einer umfassenden nationalen Erziehung züchten zu können. Aber es will uns scheinen, als hätte man, doppelt abhängig vom bestechenden Scheinglanz oder auch dem wahren Leuchten der deutschen Einrichtungen und von den Tendenzen, die organisch aus dem Wesen der Volksteile mit jüdischer Sprache erwuchsen, nichts als Schemata konstruiert oder nachgeahmt, anstatt der schöpferischen Neubildung aus den besonderen Bindungen und Freiheiten in Deutschland und Westösterreich. Die Westjudenheit hat keine jüdische Sprache; in ihrer Jugend erst soll sie lebendig werden. Sie besitzt keine eigene, am wenigsten jüdische Kultur; im Kreis ihrer Jugend erst soll sie sich erneuern. Nicht als wäre dies neue Erkenntnis, wiederholen wir es mit Nachdruck. Vielmehr scheint es vielen zu platt geworden zu sein, um als das eigentliche form- und richtunggebende Element der jüdischen Erziehung in Westeuropa gewertet zu werden. Aber hier ist dem Judentum von heute die Jugend im ganz eigentlichen Sinn geblieben, was sie dem Zionismus HerzJs war: unsere Hoffnung. Die ganze kulturelle, ökonomische und soziologische Dynamik in der deutschen Judenschaft ist dem Willen nach kulturellem Eigenleben und sprachlicher Absonderung der jüdischen Jugend entgegen. Die erwerbende Jugend ist zu hart in das Wirtschaftsleben geworfen, als daß ihr eine freie Wahl bliebe. In derjenigen Partei, die sie am wirksamsten schützt, die ihre tägliche Not um Lohn, Luft und eine Mußestunde am unmittelbarsten lindert, oder deren lockende Ideologie dies arn wahrscheinlichsten verspricht, liegen ihre Ideale; deren Kulturforderung wird zum Bildner ihrer Forderungen, zum bestimmenden Vorbild für ihre Selbsterziehung. Was der Schülerschaft ungebrochen bleibt än Selbstsicherheit, Erkenntnissehnsucht und Willen zu eigenem Leben, wird tief ergriffen von der großen und großartigen freien Jugendbewegung, deren bekanntester Repräsentant der Wandervogel ist. Dieser ist deutsch und wandelt seine Freunde von Grund auf. Wo er antisemitisch gerichtet ist, hat er nur die Folge eines um so beschleunigteren Willens der Verheimlichung des Jüdischen an einem, oder aber die Abgewiesenen strömen zwar klügeren 12*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.