Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Zum Problem der jüdischen Erziehung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 170 (sequence 2)
- Language
- German
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x7o Siegfried Berufeld: jüdische Sprache solch ein innerer Bildner der jüdischen Nation; und sie zu erhalten, ihr die jüdischen Sprecher zu erhalten, ist die wesentliche Funktion der jüdischen Nationalerziehung, Und da die ökonomischen, kulturellen und politischen Tendenzen den überwiegenden Teil des jüdischen Volks von seiner Sprache weg zu einer anderen treiben, ist diese Erziehung der wesentlichste Faktor der nationalen Bewegung überhaupt, denn nur ihre Erfolge können durch eine Art Zwang zusammenhalten, was ohne sie auseinanderzugehen droht. Indem man ihn in jüdischer Sprache erzog, nimmt man dem Juden die Möglichkeit, unter den Nationen zu wählen, und seine geistige Energie, an der nationalen Grenze zurückgeworfen, strömt zurück in die engere, naturgegebene Gemeinschaft. Die jüdische Nationalerziehung, nach diesem Begriff verstanden, schließt nicht notwendigerweise das Vorhandensein noch anderer Unterschiede zum Erziehüngswesen der umgebenden Völker aus; es können eigenartige Formen und Inhalte hinzutreten, sie können auch an Stelle der anderen treten; das muß aber nicht sein. Der nationalen pädagogischen Idee ist Genüge getan mit der Übersetzung des europäischen Erziehungswesens in die jüdische Sprach^ ins Jiddische oder Hebräische, je nachdem. Freilich wird die Obersetzung ein wenig frei sein, keinesfalls aber muß die Intensität des Veränderns über den Herrschaftsbereich der Sprache und ihrer Ausstrahlungen hinausgehen. Was an eigenen Formen und Inhalten überdies geschaffen oder übernommen wird, ist bestimmt durch allgemein menschliche und kulturelle Forderungen, durch geistige Sondertendenzen innerhalb der Judenheit oder ist kluge Anpassung an bestehende Einrichtungen und ökonomische, kulturelle Zustände; es ist keine nationale Frage mehr. Bei der Mannigfaltigkeit jüdischer Gesellschaftsstrukturen kann nur ein solcher Rahmen für pädagogische und geistige Bestrebungen die nötige Zusammenfassung der Jugend aller jüdischen Volksteile in ein einziges jüdisches Erziehungssystem geben. Aber selbst dieser allgemeinste Grundriß eines Erziehungswesens kann nicht in allen Diasporaländern einheitlich gezogen werden. Auch er setzt ein Mindestmaß von nationalen Tatsachen voraus, das bloß in Polen, Galizien, Rußland und einigen nordamerikanischen Städten annähernd erreicht ist. In Deutschland und Westösterreich bleibt jüdische Erziehung eine Phrase von der gefährlichen und beschränkten Sorte, wenn man nicht versteht, einen Sinn damit zu verbinden, eine neue Schöpfung darin zu erschauen, zu erwünschen und zu realisieren, die nichts übrig läßt von allem für Polen Wesentlichen, die allen überkommenen Gewohnheiten des Erziehens so diametral und feindlich gegenübersteht wie Innen dem Außen, Bewegtsein dem Stillstand. Nur wo in einem jüdischen Volksteil eine jüdische Sprache wirklich lebendig ist; wo die Siedlung einigermaßen geschlossen und umfangreich ist; und — was überaus wichtig ist — wo innerhalb des nationalen Sonderkörpers ein sozialer Aufstieg und eine ökonomische Sicherung mannigfaltiger Berufsstände möglich ist; und wo endlich ein äußerer Zwang, sei es eine judenfeindliche Gesetzgebung, sei es eine machtbefugte nationale Vertretung wirkt: nur dort ist die unerläßliche Grundbedingung für ein Nationalerziehungswesen im bisher angedeuteten Sinn gegeben. Nichts von alledem ist in Deutschland — und in Westösterreich, das wir im folgenden immer mit verstehen wollen — erfüllt, und nichts läßt vermuten, daß aus der Konsequenz der gegenwärtig wirkenden Tendenzen jemals ein Ansatz dazu entstehen könnte. Und dennoch: der Gedanke bleibt unerfaßbar, daß die Schönheit der westjüdischen Jugend für andere Völker blühen, ihre Kraft, Begeisterung und Liebe für andere