Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Die wirtschaftlichen Lehren des Krieges für Palästina
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 167 (sequence 3)
- Language
- German
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Die wirtschaftlichen Lehren des Krieges für Palästina. 167 Man müßte die ganze Geschichte der jüdischen Kolonisation Palästinas erzählen, um es verständlich zu machen, daß dieser Umstand so schnell eintreten konnte. Das bekannteste und deshalb hier nicht besonders hervorzuhebende Moment war ja das ungünstige Verhältnis von städtisch konsumierender und landwirtschaftlich produzierender Bevölkerung in Palästina, ungefähr 9 zu i, während es in einem Agrargebiete, wie Palästina es seiner Entwicklung nach nur darstellen kann, höchstens 1 zu 3 betragen dürfte*). Es ist nun aber verkehrt, dieses Verhältnis zwischen konsumierender und produzierender Bevölkerung so aufzufassen, wie es bisher in der jüdischen Öffentlichkeit geschehen ist. Ich spreche zuerst von der konsumierenden Bevölkerung; hierzu gehören alle in den Städten Wohnenden und was ebenso wichtig ist, ein sehr erheblicher Teil der jüdischen Kolonisten und zwar des judäischen Gebietes, der sogenannten Pflanzungskolonien. In den Städten ist die Chalukabevölkerung, der Teil der Juden, der von milden Gaben lebt, nur ein wenn auch erheblicher Teil der konsumierenden Bevölkerung, und es hieße das Wirtschaftsproblem Palästinas verkennen und eine zukünftige Wiederholung des Geschehenen heraufbeschwören, wollte man die wirtschaftlichen Verhältnisse verschleiern, denn auch jede neue höhere Schule mit ihren Hunderten von Schülern, die man in den Städten gründet, ohne die gleichzeitige Gründung von Kolonien, die landwirtschaftlich das erzeugen, was diese neuen Städter verbrauchen, vergrößert das schon vorhandene Mißverhältnis zwischen Konsum und Produktion. Genau das gleiche gilt für jede Pflanzungskolonie, ganz gleich welcher Art, ob nach dem Achusa- oder dem Genossenschaftsprinzip gegründet. Sie alle vergrößern die Zahl derjenigen, die die vorhandenen im Lande produzierten Nahrungsmittel verzehren, und haben schon in Friedenszeiten zu einer stetigen Steigerung des Lebensverhältnisse und damit zu einer dauernden Verschlechterung des Wertes z. B. des Geldlohnes der Arbeiter beigetragen. Von den landwirtschaftlichen Kolonisationsgebieten Palästinas hat eines, Judäa, durch den Krieg außerordentlich schwer gelitten und hätte ohne Hilfe von außen sich nicht behaupten können, während z. B. von Galiläa genau das Gegenteil gilt. Die Gründe liegen klar zutage. Die Kolonien Judäas sind überwiegende Pflanzungskolonien, völlig abhängig vom Export, und produzieren nicht einmal das, was sie selbst brauchen, denn wäre dies der Fall gewesen, so hätten sie zwar keine Bareinnahmen gehabt, sich aber über die kritische Zeit hinweghelfen können. Die galiläischen Kolonien dagegen sind als Ackerbaukolonien begründet, produzieren, was ste verbrauchen, und können daher jede Absatzkrisis überwinden. Auch hier werden allmählich Pflanzungen angelegt, doch geschieht es erst nach Fundierung der Kolonien, so daß die Pflanzungen nicht die einzige Erwerbsquelle, sondern im Gegenteil als stille Reserve zu betrachten sind. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich also als erstes und wichtigstes Erfordernis einer allumfassenden jüdischen Wirtschaftspolitik in Palästina nach dem Kriege! Vergrößerung nicht etwa nur der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung, sondern vielmehr Vergrößerung derjenigen landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung, die ihren eigenen Bedarf deckt und Überschuß an diesen Produkten abgeben kann. Außerdem *) Für die Gesamtbevölkerung Palästinas, unter Einrechnung der arabischen, dürfte es ach wie x zu 2 verhalten.