Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Die wirtschaftlichen Lehren des Krieges für Palästina
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875865-3103838--0255-3103896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Curt Nawratzki: Diese Sätze, die zwar nicht für die Wirtschaft Palästinas, sondern für die der Schweiz geschrieben sind, gelten wörtlich auch für Palästina und sollten demnach auch unser zukünftiges Wirtschaftsprogramm bestimmen. In der ersten Periode der jüdischen Kolonisationsbewegung, die wir wohl jetzt als endgültig abgeschlossen betrachten können, war man viel zu sehr von den Problemen des jüdischen Lebens in der Diaspora in Anspruch genommen, sah alles viel zu sehr in seinen Wirkungen auf dieses Leben an, und kam gar nicht auf den Gedanken, daß die palästinensische Kolonisation nicht von außen, etwa vom Standpunkt eines Mutterlandes aus betrachtet werden könne, sondern daß ihre Probleme von innen heraus, von den Interessen des Landes aus gesehen werden wollen. Kam es früher vor allen Dingen darauf an, „Kolonien" zu schaffen, ganz gleich wo und welcher Art, bedeutete jedes Stück jüdischen Bodens in Erez Israel einen neuen Erfolg, fragte man nicht, wie hoch ein solcher Erwerb zu stehen kam und ob er für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft des Landes von Vorteil war, so dürfte man wohi durch den Krieg gelernt haben, daß nur die Arbeit gut getan war, deren wirtschaftliche Grundlagen solide, d. h. den Verhältnissen Palästinas angemessene waren. Der Krieg ist hier wie überall der Prüfstein des wirtschaftlich Lebenskräftigen und die Schäden, die der Krieg enthüllt, sind zum größten Teil nicht erst durch ihn entstanden, sondern wurden durch ihn nur vergrößert und augenfälliger gemacht. Palästina ist ein Land, daß in seiner weiteren Entwicklung durchaus durch seine Zugehörigkeit zu einem größeren Wirtschaftsgebiet bestimmt ist. Kleine Gebiete können aus wirtschaftspolitischen Gründen für sich allein in der Zeit der Großbetriebe wohl kaum mehr eine Rolle spielen (wohlgemerkt gilt das nur für das Wirtschaftliche, nicht aber für das National-Kulturelle; die Vermengung dieser beiden oft entgegengesetzten Probleme führt allerdings in allen Kreisen immer wieder zu Mißverständnissen) und trotz dieser auch für die Zukunft vorausgesetzten Zugehörigkeit zu einem größeren Wirtschaftsgebiet, das mit seiner verschiedenartigen Produktion in seinen verschiedenen auseinanderliegenden Gebieten ausgleichend wirken kann, ist das kleine Palästina ungeachtet seiner geringexi Größe vielleicht das einzige Land der Ei de, das auf dem engen Räume von 30000 qkm infolge seiner eigenartigen geologischen Formation die verschiedensten Zonen und damit Kultivierungsmöglichkeiten der verschiedenartigsten Kulturpflanzen aufzuweisen hat. In dem Gebiete Palästinas ist Ackerbau und Viehzucht mit Futterbau, ebenso wie die Baumkultur der wichtigsten Kulturgewächse, die auf unbewässertem Boden gedeihen, wie Wein, Olive, Mandel usw. durchführbar. Auch die Kulturen derjenigen Pflanzungen des Mittelmeergebietes, wie die der Orangen und Zitronen, die auf bewässertem Boden an seinem Küstenrande wachsen, geben hier sehr gute Erträge. Die tiefe Jordanebene dagegen, mit ihrem schon nicht mehr kontinentalen oder gar Mittelmeerklima, läßt in ihrer subtropischen Feuchtigkeit die Gewächse jener Region gedeihen, Bananen, Datteln, Indigo, Zuckerrohr, Baumwolle usw.1 Wenn man sich diese Verhältnisse vergegenwärtigt, so erscheint es einem ganz natürlich, daß Palästina als Agrarland, das durch den Krieg nur indirekt betroffen wird, abgesehen von den wirtschaftlichen Lasten der Requisitionen, der höheren Steuern und den Einziehungen in seiner Wirtschaft nicht allzusehr geschädigt zu sein brauchte, und doch erinnern wir uns, daß gleich in den ersten Tagen des Weltkrieges an die jüdische Öffentlichkeit der Ruf um Unterstützung drang.