Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 164 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Jakob Leszcxynski: Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens jüdischen Getreidebourgeoisie. Und das temperamentvolle, wie die südliche Natur heiße Odessaer Freidenkertum ebenso wie die gelassene rationalistische Petersburger Aufklärung dringen in die Ghettofestungendes Ansiedlungsrayons ein und verursachen hier Risse, wenn nicht ganze Breschen. Im kleinstädtischen Ansiedlungsrayon treten jene jüdischen Kaufleute und Unternehmer hervor, die später die jüdische Groß- und Mittelbourgeoisie der Tscherta*) schufen und aus deren Milieu die praktischen Helden der Haskala**) hervorgingen, die heute die assimilierte professionelle und nichtprofessionelle Intelligenz darstellen. Die Biene, die den Honig brachte, brachte auch das Gift mit sich. Der großrussische Handel, der die Erfahrung von Jahrhunderten besaß und schon lange den Markt der jüdischen Tscherta-Gouvernements zu erobern suchte, besonders den der fetten und reichen Ukraina***), ergoß sich mit seinen Waren nach der Befreiung des Landes erst richtig über das weite Rußland; der ansässige gefallene Adel begann die Überlieferung seiner adeligen Vorfahren, daß für die Elite eines Volkes Handel und Marktgeschäfte nicht passen, zu vergessen, verließ seine schönen Dorfnester und wandte sich dem Handel und der Fabrikation zu; die befreite Bauernschaft, die nicht genug Boden erhielt, ergoß sich in die aufgeblühten Städte und drängte sich in Handwerk und Kleinhandel ein. So entstand das christliche Kleinbürgertum („Meschtschanstwo")t das sich später blutig an der jüdischen Masse rächte, weil sie ihm nicht sofort den Platz räumte. Auf solche Weise bildete sich in der Tscherta jenes soziale Milieu, an das sich die jüdische Bourgeoisie zu assimilieren begann. Dieses soziale Milieu aber wurde der beste Boden für den praktischen Antisemitismus, der seine Nahrung aus der Konkurrenz sog. Es wird ein Zauberkreis für bedeutende Teile des jüdischen Volkes geschaffen, die mit allen Kräften eines Menschen, der Lebensunterhalt haben will, danach streben, sich an eine bestimmte soziale Gruppe anzuschließen, aber von dieser desto mehr abgestoßen werden, je deutlicher und intensiver dieses Bestreben wird. Diese Teile des Volkes waren nicht das ganze Volk und auch nicht der größere Teil von ihm. Die breiten und unteren Massen, die nicht mehr mit den ehemaligen kleinen und vom Wind genommenen Einkünften leben konnten, beanspruchten auch, von den blühenden Feldern des Handels und der Industrie Rußlands Genuß zu haben. Es zeigte sich aber, daß erstens dieses Feld in seinen Möglichkeiten begrenzt ist und nicht auf einmal alle unternehmenden Kräfte, die zum Vorschein kamen, aufnehmen kann - und wenn einer von zweien überflüssig ist, so ist es doch der Fremde, und besonders noch der Jude, der den kürzeren zieht. Zweitens stellte es sich heraus, daß die jüdischen Massen keinen Samen besaßen, um das Feld zu bebauen: sie hatten nicht das Minimum an Kapital, das auch in der blühendsten Zeit der Industrie nötig ist. Für die, die als erste kamen, genügte das kleine Vermögen, das sich beim reichen jüdischen Unternehmer oder Pächter angesammelt hatte — große Kapitalien hatten sie ja auch nicht; für viele Einzelne genügte das jüdische Handelstalent und der jüdische Unternehmungsgeist — sie stiegen auch ohne Geld ziemlich hoch auf der sozialen Leiter. Das war aber nur ein verhältnismäßig kleiner Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung. Diese wuchs schnell an: der Zuwachs der jüdischen •) Ansiedlungsrayon. **) Aufklärungsbewegung. ***) Aksakoff, „Untersuchung über den Handel der ukrainischen Märkte'1 (russisch), S. 185—200,