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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 165

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
Date
1916-06-01
Page
165 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Curt Kawratzki: Die wirtschaftlichen Lehren des Krieges für Palästina 165 Bevölkerung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war größer als in der ersten, wie er im ganzen neunzehnten Jahrhundert gröUer war als im achtzehnten. Was blieb den jüdischen Massen zu tun übrig? Was konntön die Tunjadewker und Kabzansker Armen und Bettler angesichts des blühenden Handels, der wachsenden Industrie erreichen? Arbeit war der einzige Ausweg für diese Massen; und die russischen Juden, die noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zum Handwerk zumeist nur die Kretins und Unbrauchbaren des „heiligen Volkes" schickten, gingen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts massenweise zum Handwerk und zur Fabrikation über. Nach ein paar Jahrzehnten finden wir in drei, vier großen Städten; Warschau, Odessa, Wilna, Zehntausende jüdische Handwerker, Handwerksgehitfen, Lehrjungen, unqualifizierte und Fabrikarbeiter, Dienstpersonal und Angestellte. In einer ganzen Reihe mittlerer Städte der Tscherta, wie Bialystok, Grodno, Pinsk und anderen, tauchen jüdische Fabrikarbeiter auf, und die Zahl der Handwerker und Handwerksgehilfen wächst im ganzen Ansiediungsrayon mit unheimlicher Geschwindigkeit. Aus einer ganzen Reihe historischer und psychologischer Gründe, auf die wir hier nicht eingehen können, war der Übergang der jüdischen Masse aus den früheren Maklerei- und Windberufen zu der Arbeit in der Großindustrie unmöglich, besonders da sie, die jüdische Masse, einem so starken Konkurrenten begegnete. Das Handwerk aber und die kapitalistische Hausarbeit — die natürliche Fortsetzung des jüdischen Handwerks — konnten nicht alle Juden aufnehmen, die auf immer von jenen Geschäftchen Abschied nehmen mußten, welche, wie sich Mendele ausdrückt, „von einem Kratzen unter der Schläfenlocke herausspringen". Und dieses schwierige historische Problem, das Existenzproblem eines großen Teils des jüdischen Volkes, fand seine Lösung —* ob eine vollkommene und genügende, ist eine andere Frage — in der Emigration, die objektiv und subjektiv, technisch und psychologisch den Übergang von der Vermittlerei zur Arbeit viel leichter machte als in der alten Heimat. Die soziale Struktur der Ostjuden in Amerika ist die natürliche Fortsetzung des jüdischen Lebens in Rußland; und das russisch-jüdische Leben wird immer mehr amerikanisiert — Warschau, Odessa und Wilna sind nichts als kleinere jüdische New Yorks. Jakob Leszczynski DIE WIRTSCHAFTLICHEN LEHREN DES KRIEGES FÜR PALÄSTINA |\ie Erfahrungen dieses Krieges lehren uns die Vorteile der Selbstversorgung " ^«^und die Unabhängigkeit vom Ausland in der Versorgung des notwendigsten Lebensbedarfes richtig einzuschätzen. Wir müssen nur wünschen, daß diese Grundlage unseres Wirtschaftslebens auch in Zukunft erhalten bleibt, und ich möchte betonen, daß das gerade nach dem Kriege wichtiger sein wird als je." (E, Lauer, Industrie und Landwirtschaft, Zürich 1915.)

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