Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 163 (sequence 4)
- Language
- German
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Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens 163 werkerschaft und anderer arbeitender Elemente, wie einfache Arbeiter, Dienstpersonal und Angestellte, die Differenzierung von Handel und Handwerk, die Konzentrierung breiter jüdischer Massen in den großen Städten und die Auswanderung nach Amerika. Alle diese Erscheinungen begannen schon damals, in den sechziger Jahren, eine klare Sprache zu reden und ihre Kraft zu erweisen in der Reformierung und Erneuerung des jüdischen Lebens, in der Befruchtung und Auffrischung des alten, vertrockneten Baumes. Sie alle sind Kinder einer Mutter — der großen Übervölkerung, die im jüdischen Ansiedlungsrayon ihre höchste Stufe erreichte* Diese Übervölkerung war aber nur die wichtigste, nicht die einzige Ursache aller dieser erwähnten Erscheinungen. In der umgebenden Welt vollzogen sich damals einschneidende und bedeutsame Änderungen. Die Befreiung der Bauern, die Entwicklung des Eisenbahnwesens und die liberale Politik stießen das Leben ganz Rußlands vorwärts. Das innerste Mark wuchs kräftig an und schuf bessere Möglichkeiten und Aussichten für Handel, Handwerk und Industrie; der Export des Bodenertrags und anderer landwirtschaftlicher Produkte nahm rasch zu und brachte frisches Geld ins befreite Land; das beförderte sehr .die Verbreitung des Handels und der Industrie. Diese Vorgänge hatten eine positive Wirkung auf das jüdische Leben — die Juden beteiligten sich, und sogar in sehr großem Maße, sowohl an dem wachsenden Export der Bodenprodukte als auch an dem fieberhaften Bau neuer Eisenbahnen und an der nicht weniger fieberhaften Gründung von Banken, an der bereits entwickelten oder eben erst aufkommenden Industrie, anfangs freilich nur als Unternehmer und Organisatoren. Die ehemaligen „Reichen41, ein Pächter, ein einigermaßen reicher Krämer und auch frühere arme Talmudjünger, wenn sie nur einen guten jüdischen Kopf und die angeborene jüdische Energie und Hartnäckigkeit besaßen — sie alle stürzten sich ungestüm auf die neuen einträglichen Unternehmen. Im Verlauf kaum einer Generation wuchs die moderne jüdische Bourgeoisie heran, deren „nationales Programm" ihr größter und bester Ideologe, der talentvolle Orschanski aussprach, der meinte, daß der ganze komplizierte Knäuel sozialer, politischer und kultureller Widersprüche, der „jüdische Frage** heißt, nur eine Frage des besseren oder schlechteren Beherrschens der russischen Sprache sei, der einzig möglichen Handelssprache für das ganze große Rußland. Der neu entdeckte bedeutende russische Markt sah anfangs — und sieht noch heute — für viele so weit aus, daß alle, die erst von seinen Schätzen zu genießen begannen, fest glaubten, daß die paar Millionen russischer Juden Lebensunterhalt in Hülle und Fülle haben würden. Infoige der erwähnten ökonomischen Erscheinungen entstehen schnell und unerwartet* wie aus der Erde geschossen, neue kleinere und größere jüdische Gemeinden, die nach einem neuen Schnitt leben, die für eine ganz neue Lebensweise den Grund legen. Diese Gemeinden, neu, eben erst entstanden, aufgebaut von Elementen, die aus allen Ecken des Ansiedlungsrayons zusammenkamen, ohne die Tradition jüdischen Wissens und jüdischer Frömmigkeit, ohne die schützenden Fittiche der Geonim oder Zaddikirn, ohne irgendwelche Überlieferung, nur mit der Kraft des Geldes ausgestattet, erhalten eine große Macht über das jüdische Leben des ganzen Ansiedlungsrayons, indem sie zu gleicher Zeit sowohl dem Asyl des litauischen Thorastudiums und seiner Gaonschaft als auch den stillen Gezeiten der wolhynischen Zaddikirn den Krieg, erklärten. Die Herrschaft erlangt Petersburg im Norden, das Zentrum der jüdischen Bank- und Börsenbourgeoisie, und im Süden Odessa, das Zentrum der