Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 162 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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XÖ2 Jakob Leszczynski: Liest man die Bücher des allerersten und grundehrlichen russisch-jüdischen Masfcils, J. B. Lewinsohn*), überkommt einen geradezu ein Schauder, auch wenn wir annehmen, daß er zu schwarze Farben gebraucht habe. Traurig und schrecklich ist das Bild, das Lewinsohn und andere geben, und traurig und schrecklich war in der Tat, wie es scheint, das jüdische Leben. Ein großer Teil des Volkes lebte von Pacht und Schank, Kleinkrämerei und Hausieren, alles Berufe, die ohne „Betrügen ünd Übernehmen"**) nicht möglich sind; ein nicht geringerer Teil lebt von „Leck"- und „Schmeck"-Berufen) von einem „Päckchen" oder überhaupt nur vom „Wind"; ein Häuflein Reicher lebt von einem „Wechsel auf den Gutsherrn" oder von den „falschen Taxen"; und die Führer, die Gemeindevorsteher sind „Diebe", Räuber, die es nur darauf absehen, sich an armen Leuten***) zu bereichern; über die Rabbiner und alle übrigen Kultusbeamten, deren Zahl nicht gering war: Dajjanim, Schächter, Vorbeter, Kassierer, „Enkel"!) und noch viele andere, erzählt uns ein Rabbiner jener Zeit, daß sie mit den „schlechten Hirten" gemeinsame Sache .machten und einfach der Masse die Haut abzögen ff). So war das ökonomische Leben des jüdischen Volkes zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Die Handwerker, die damals ungefähr zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung ausmachten, hatten eine so geringe Wirkung auf das öffentliche jüdische Leben, daß sie das Bild fast gar nicht änderten. Ihre Macht-war so unbedeutend, daß man sie im achtzehnten Jahrhundert fast in allen Gemeinden von den Wahlen zum Kahal, der damals eine ziemlich große juridische und ökonomische Bedeutung im jüdischen Leben hattefff), ausschloß; und in der Zeit, von der wir sprechen, hatte sich die Lage nicht verändert« Fügt man noch hinzu, daß im Ansiedlungsrayon eine solche geistige Stockfinsternis herrschte, daß alles, was nur sich aufzurütteln versuchte, auf der Stelle erstickt oder völlig aus der jüdischen Gasse ausgestoßen wurde§); daß die ganze jüdische Politik damals von drei Petersburger „Tuern", von denen sich zwei taufen ließen§§), gemacht wurde — stellen wir uns einen Augenblick dieses Bild ökonomischer Armut, kultureller Finsternis und politischer Nichtigkeit des ehemaligen jüdischen Lebens vor Augen, so werden wir um yieles leichter die nationale Verzweiflung der Maskilim verstehen. Dieser nationale Pessimismus hat unglücklicherweise seinen Grund in der traurigen, allzu traurigen jüdischen Wirklichkeit, die von den Elementen, aus denen das jüdische Volk damals bestand, nichts erwarten ließ. 2. Alle neuen sozialen Erscheinungen, die im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts kaum zu bemerken waren und im letzten Viertel sich in ihrer ganzen Kraft offenbarten, nahmen schon in den sechziger Jahren bestimmte und deutliche Formen an. Unter den neuen Erscheinungen verstehen wir das Wachsen der jüdischen Hand- *) 1780—1860. **) J. B. Lewinsohn: „Tihida bejisrael" 178/79« •♦♦) Ders.: „Die Hefkerwelt". t) Nachkommen großer Gelehrter und Frommen, tt) J» L. Margoltth: „Beth middoth" 42, „Or olam", Einleitung, zitiert von Ben Zion Katz, „Toldoth haskalath hajehudim berussia" in der Zeitschrift „Hasman" 1903, S. 97—100. tft) Berschadsky, „Die litauischen Juden" (russisch). §) Siehe die Autobiographie von Saiomon Maimon. §§) J. Hessen, „Die Juden in Rußlaad" (russisch), S. 139.