Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 161 (sequence 2)
- Language
- German
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Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens Schankvolk. Das war eine einzig dastehende Erscheinung in der Geschichte der ganzen Menschheit — ein ganzes Volk, das ein Stand und eine Klasse ist. Und wenn Mendele sagt, daß „ein Jude auf dem Markt wie ein Fischlein im Wasser ist'"' umfaßt er alle Teile und Gruppen der damaligen jüdischen Gemeinschaft. Denn schließlich hatte auch der Rabbiner einen Krämerladen oder eine Schankwirtschaft, wo sein braves Weib den Unterhalt verdiente; und daß fast jeder Pächter einen Laden hatte und jeder Krämer nebenbei ein bißchen Pächter oder Schankwirt war, braucht man kaum zu erzählen. In der Tat war zwischen den beiden Hauptberufen der ehemaligen jüdischen Gemeinde kein großer Unterschied: in der Pächterei und Schänkerei wie in der Kramerei ist der Tauschhandel, das Vermitteln zwischen anderen das Charakteristische; der Markt herrschte in beiden. Es gab damals soziale Verschiedenheiten; es fehlte aber die soziale Differenziertheit, die treibende Kraft in der Geschichte eines jeden Volkes. Selbst diese Verschiedenheiten waren nicht Generationen alt, nicht solche, die, in Erblichkeit übergehend, ein und dieselbe Klasse differenzieren und in verschiedene, oft gegensätzliche Teile spalten. Das Übergehen vom Reichtum zur Armut, und auch umgekehrt, geschah in der jüdischen Gasse zu oft und zu plötzlich, als daß sich aus der materiellen Verschiedenheit eine soziale Differenziertheit hätte herausbilden können. Der äußeren Welt gegenüber waren alle Juden daher nicht nur eine besondere ethnische und religiöse, sondern auch eine soziale, eine Klasseneinheit. Zur Assimilation fehlte, woran man sich hätte assimilieren können: der Gutsherr saß zu hoch, der Bauer zu niedrig; der Jude stand in der Mitte, zwischen zwei anderen Klassen. Der Jude hatte mit beiden Geschäfte — aber nur Geschäfte. Assimilation ist dort leicht, wo beide Teile zu ein und derselben sozialen Gruppe gehören. Die Juden und die sie umgebende Bevölkerung gehörten verschiedenen sozialen Gruppen an. Daher fehlte jede nahe Massenberührung mit der umgebenden Welt und Kultur, sowohl mit der hohen gutsherrlichen als auch mit der primitiven bäuerlichen. Einzelne, die zufällig von dem fremden.Baum der Erkenntnis naschten, wurden mehr von der Neuheit und dem Anderssein der fremden Kultur trunken als von ihrem wahren Inhalt und Wert, Das Leben zwischen anderen und nicht mit anderen isolierte alle Juden von ihrer Umgebung und schmiedete die zerbröckelten Glieder des zerworfenen und zerstoßenen Volkes zusammen; aber die Abhängigkeit von den anderen, das Dazwischenstehen d. h. der Vermittlungscharakter des jüdischen sozialen Seins machte das Zusammenleben unfruchtbar und blutleer. Das Isolierungsmoment vermochte das Alte, Mitgebrachte zu konservieren; das Zusammenleben gleicher Glieder aber gab nicht Saft genug, um etwas Neues, Selbständiges zu schaffen. Konserviert man aber überlebte Dinge, so unterscheidet man oft nicht zwischen Gut und Schlecht, Schön und Häßlich, Nützlich und Schädlich — und das jüdische Volk trat ins neunzehnte Jahrhundert mit einer schweren Erbschaft, die eine gar nicht gute Wirkung auf unsere weitere Entwicklung hatte, einer Erbschaft, die uns noch durch Generationen zur Erde niederziehen wird ... Es genügt, auf die endlose Verzweiflung hinzuweisen, die wir noch bis heute mit uns umhertragen wie einen Höcker und von der alle Bücher und Taten der besten Söhne jener Zeit, der ersten Maskilim*), durchdrungen waren, um zu verstehen, wie schrecklich dieser Höcker ▼or hundert Jahren aussah. *) Aufklärer.