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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 160

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Fragen des ostjüdischen Wirtschaftslebens
Date
1916-06-01
Page
160 (sequence 1)
Language
German
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i6o Jakob Lfeszczynski: FRAGEN DES OSTJÜDISCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS Die Abhandlung, die wir hier su veröffentlichen beginnen, ist in jiddischer Sprache In der Monatsschrift „Die jüdische Welt*1 erschienen. Das erste Kapitel hat ein paar Absätze mit einem früheren, deutsch im z.Heft der „Freistatt" (1913) gedruckten Aufsatz des Verfassers gemeinsam. I. Das letzte Jahrhundert ist die Zeit der stärksten und einschneidendsten Änderungen auf allen Gebieten des jüdischen Lebens. Alles, aber auch alles hat sich verändert, umgeschichtet, hat ein neues Gesicht bekommen, der soziale Aufbau des Volkes und die Klassen- und Standesverhältnisse, das politische Gewicht des Volkes und seine politische Organisation, Inhalt und Form der jüdischen Kultur» Man kann getrost sagen, daß das 19. Jahrhundert die Zeit ist, in der sich alle jene wichtigen sozial-ökonomischen und kulturell-politischen Geschehnisse vorbereiteten, die uns zu Ende des vorigen und zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts eine so reiche Zahl sozialer, politischer und kultureller Bewegungen und Strömungen, Ideen und Ideale gaben, durch die das jüdische Leben erneut und aufgefrischt wurde. Das Leben — das ist ständige Bewegung. Vom jüdischen Golusleben bis zum neunzehnten Jahrhundert kann man das kaum sagen. Im geographischen Sinne zwar haben wir uns „bewegt", zu viel und zu oft „bewegt". Hinsichtlich der inneren sozialen Struktur des nationalen Körpers aber blieb das jüdische Leben viele hundert Jahre starr und versteinert. Auf das jüdische kulturelle Leben in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts — und auch auf viele frühere Jahrhunderte — passen die Worte Mendeles: „Wir sind ein Haufen Milben, von denen eine der anderen gleicht." Das traf aber nicht nur für unser Kulturleben zu, das nach einem Schnitt und in einer Tonart war; das Gleiche kann man auch über das materielle Leben des jüdischen Volkes sagen. Mendele erzählt weiter, daß „das ganze Judenvolk" in einer bestimmten Stunde „Fisch, Nudeln und ,Zimmes'*) essen" mußte, und daß, wenn einer in Berditschew „kol mekaddesch"**) zu sagen oder „chaj wekajjam"***) zu rufen begann, man die gleiche Melodie und die gleiche Stimme „in der ganzen Welt" hörte — dieses glänzende Bild für unsere noch nicht lang hinter uns liegende kulturelle Armut und Eintönigkeit kann sehr gut auch auf das damalige alltägliche Leben des jüdischen Volkes angewendet werden. Zwar gab es auch in jener Zeit, am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, reiche und arme Juden; einen reichen Händler, der auf die Leipziger Messe fuhr, und einen armen Krämer, der am Platze Ware kaufen mußte, einen reichen und einen armen Pächter, einen bedürftigen und einen begüterten Schankwirt und auch einen wohlhabenderen oder gewöhnlicheren Rabbiner oder Richter (Dajjan) — alle aber waren, abgesehen von den wenigen Handwerkern, ein Vermittler- und Tauschvolk, ein Volk eines sozialen Standes, fast einer sozialen Klasse, ein Markt- und *) Ein Gemüse. *•) Ein Tischgesang am Sabbath. •••) Aus dem Gebete bei Vollmond.

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