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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 158

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Unsere Sonderstellung
Date
1916-06-01
Page
158 (sequence 3)
Language
German
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Herman Glenn: Sein eines Volkes überhaupt speist und aufrecht erhält, und deren Versiegen den Tod dieses Volkes herbeiführt. Daß wir nicht gestorben sind, gleich den Griechen und Römern, rührt nicht von einer besonderen mystischen Zähigkeit her, die unserem Blute irgendwie stärker eingeimpft wäre als demjenigen aller anderen Völker. Das zähe Aushaltenkönnen ist nicht physiologisch sondern v/elthistorisch begründet. Wir verschwinden nicht, nicht weil wir an der Erde festkleben — was durch Verleugnung des Judentums sich tausendfach leichter bewerkstelligen ließe —, sondern weil uns die Erde und der Geist der Menschheit brauchen, in jenem höheren Sinn, der auch gegen den Willen andersgerichteten Seins das nötige Lebensrecht behält. Das Lebensrecht des Judentums bestand Jahrtausende hindurch in seiner ausschließlichen Richtung auf die Religion, und dieser Wesenszug ist unauslöschbares Erbe des Volkes; in der heutigen Gestaltung aber des religiösen Empfindens ist diesem zugleich in stärkstem Maße eine Einstellung auf das Allgemeinmenschliche gegeben, auf dasjenige also, was die Menschheit wahrhaft bindet und Brücken zwischen den sich erbittert bekämpfenden Völkern schlägt. Hierin sehen wir den wahren Grund, weshalb die starken Völker der Erde dem Judentum gegenüber nur selten eine konsequente aktiv feindliche Stellung bewahren: die Entwicklung der Menschheit ist nachgerade bei einer immensen äußeren Einung durch Verkehr und Technik so sehr ins Nationaldifferenzierte gegangen, daß jeder Ausgleich zwischen den beiden Extremen inneren Bedürfnissen des Völkerlebens entspricht und so der spezifisch jüdischen Mitwirkung in allen Dingen der Kultur und der Zivilisation einen natürlichen Boden und Rückhalt liefert. Wir finden denn die Juden auch überall da, wo die Brücken zur gesamten Menschheit ein Volk anziehen und in seiner engeren Individualität damit eigentlich bedrohen. Daher der Haß aller rein völkisch eingestellten Glieder einer jeden staatlich organisierten Nation gegen die Juden überhaupt, und gegen die „eigenen" Juden und ihre hervorragendsten Vertreter insbesondere: ein mächtiger und doch auch ohnmächtiger Haß, da die Selbsteinkreisung eines Volkes unter Abschluß von allem Fremden der wirklichen immanenten Entfaltung des Völkerlebens widerspricht und nur zur Verarmung, nicht zur Bereicherung führen würde. Und so dürfen wir unserer freien Überzeugung Ausdruck geben, daß ohne die Juden das geistige und religiöse Leben der großen Völker von heute um ein unschätzbares Element ärmer und düsterer sein würde. Soll dies nun heißen, daß wir keinen weiteren Sinn auszufüllen haben, als den auf andere gerichteten? Und wäre nicht dadurch vielmehr ein gewichtiger Grund gegeben, uns als Zweitlebende, gar als „Parasiten" hinzustellen, wie es schmählichere Feinde auch zu tun wagen? Dies unterscheidet nun den bejahenden Juden von seinem schwächeren und schlechteren Widerpart, dem Verleugner des Judentums in allen seinen Abstufungen und Spielarten, daß wir an ein selbsteigenes jüdisches Sein glauben und dieses selbsteigene Sein als innere Wirklichkeit schauen, während jene es nicht erkennen und nicht kennen wollen. Dieses Sein sehen wir am unsterblichen Lichte des antiken Judentums in seiner reinsten ersten Gestaltung gegeben, und erleben täglich die Bestätigung unseres Glaubens, daß dieses Licht Jahrhunderte verschleiert, nie verdunkelt werden kann; die schlimmsten Auswüchse des jüdischen Lebens und des jüdischen Geistes, weit entfernt, uns bloß zu entrüsten und niederzuschlagen, befestigen nur die Sicherheit, daß einst der lodernde Brand der Erneuerung die Schlacken abschütteln und die Wesenheit wieder rein hervortreten

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