Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Unsere Sonderstellung
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 157 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Sonderstellung sich eben auch einstellt, sodaB Auflehnung und Kampf dagegen vergeblich, ja naturwidrig seien. Aber abgesehen davon, daB diese Problemstellung und Lösung tief einseitig und im letzten Grunde tatsächlich falsch sind, erhebt das reale Leben des heutigen Judentums ununterbrochene Einwände gegen solche zerstörende Tendenzen, und eine zwiefache Pflicht entsteht so den Hütern des Schatzes: durch ihr ganzes Sein den positiven Sinn des Judentums 2u bezeugen, und die Wege aufzusuchen, auf denen die als innerlich notwendig empfundene sittliche Vereinigung der Nation real wieder eingeleitet werden kann. Mit Absicht sei hier jedoch eine Erörterung der eigentlichen zionistischen Ideen vermieden, in denen wir jetzt nur einen — wenn auch noch so wichtigen — Bruchteil unseres ganzen Lebenssystems erblicken dürfen. Gesetzt auch den günstigsten Fall einer breit durchgeführten jüdischen Kolonisation Palästinas unter der Förderung aller hierfür interessierten öffentlichen Mächte: ungleich gewaltigere Massen des östlichen und amerikanischen Judentums werden davon ebenso nur teilweise berührt werden, wie die gebildeteren Schichten der mittel- und westeuropäischen Juden, die mit den Kulturen ihrer Geburtsländer viel zu stark verknüpft sind, als daß ein allgemeines Losreißen von denselben für sie möglich oder auch nur erlaubt wäre. Wir fragen vor allem, wodurch sich das Judentum noch als Nation bezeugt, und welche geschichtlichen Einsichten uns den Mut stärken, die Rechte dieser Nation auf anderen Grundlagen noch zu verfechten, als auf denjenigen des bloßen Ressentiments, oder unseres guten Rechts allein, für welches eine waffenstarrende Zeit nicht gut Gehör finden kann. Diese Zeit zwingt dem echten Juden zunächst ein Glaubensbekenntnis ab: daß er seinem Geburts- und Vaterlande unbedingte Treue zu halten für seine vollkommene Pflicht anzusehen und diese Pflicht restlos zu erfüllen habe. „Gib dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist" sind Worte, die nicht ohne tiefe Bedeutung ihr erstes Mal zu Juden gesprochen worden sind. Das universale Volk würde notgedrungen jede Daseinsberechtigung verlieren, wenn es diesen Grundsatz nicht hätte: das Recht, innerhalb der individualisierten Kulturen der großen heimateingesessenen Völker irgendwelche Wirksamkeit ausüben zu dürfen, wäre damit verfallen, und so auch eines der ersten Lebenselemente unserer heutigen historischen Bedeutung zerstört. Die großen Staatsnationen sind durch eherne Tatsachen der Geschichte, der Religion, der Sitten und des Blutes von den Gefühlen des Gastgebertums dem Judentum gegenüber beherrscht. Das eigentliche Recht, ihre Gastfreundschaft zu genießen, erwerben wir uns nur durch die volle Einbürgerung in den Organismus der jeweiligen Heimat, und immer wird dieses Recht vom herrschenden Volke mehr oder weniger als dasjenige von Naturalisierten betrachtet. Wir können diese Empfindungen verstehen, sogar teilen — ein um so höheres Gebot der Pflichterfüllung dem Heimatlande gegenüber erwächst dann daraus, und erst auf solcher Grundlage erhebt sich die Frage nach der Berechtigung unserer Eigenart innerhalb des umgebenden Staats¬ und Nationalgefüges. Man sage nicht, daß dies nur Nachgeben vor äußerem Zwange sei: hier spricht jene tiefe Notwendigkeit mit, die der Instinkt auch ohne deutlichere Begründung untrüglich dem Einzelnen offenbart, und die das Zeichen kosmischen Zusammenhangs ist. An solchen Zeichen läßt sich auch die Quelle wiedererkennen, die das